Der Reichstag hatte wirklich die Regierungsvorschläge verworfen und auf das Jahr 1904 einen neuen Entwurf mit allgemeinem Stimmrecht verlangt.[307] Damit war durchaus erreicht, was erreicht werden sollte: ein Unerwünschtes war abgewehrt, ein Erwünschtes zudem in greifbare Nähe gerückt.[308] Immerhin kann bezweifelt werden, ob diese Fortschritte nicht vielleicht auch ohne den kostspieligen Apparat eines Klassenstreiks zu erringen gewesen wären.[309]

[307] N. N. Z. 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 17./5.

[308] Wenn man zunächst auch nur "eine vieldeutige, tastende, sehr wenig verpflichtende Reichstagsresolution" gewonnen habe, so sei nun doch die Stimmung im Reichstag dem allg. Wahlrecht günstiger, jede Partei sich der Dringlichkeit der Reform bewußt geworden (Branting, "Die schwed. Reichstagswahlen"; Bömelburg, Prot. Gwft. Kongr. Köln 1905, p. 220 ff.), wodurch die schwedische Stimmrechtsfrage "in eine neue Phase getreten" sei (Branting, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"); doch da es sich von Anfang an nur um eine Demonstration handelte, kann "von Gelingen oder Nicht-Gelingen hier keine Rede sein" (Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel").

[309] Die N. Z. Z. 24./5., nimmt sogar an, der Streik habe überhaupt keinen Einfluß auf die Reichstagsbeschlüsse gehabt.

Die Arbeiter scheinen nur wenig unter den Nachwirkungen des Streiks gelitten zu haben. Die unmittelbar folgenden Maßregelungen waren nicht sehr erheblich,[310] und der angedrohte Streikrechtsentzug kam um so weniger zu Stande,[311] als die Arbeiterorganisationen den Klassenstreik inzwischen "begraben" hatten. Denn obgleich die Wahlreform sich über Erwarten verzögerte, obgleich der finnische Nationalstreik seinen Eindruck auf die schwedischen Arbeiter nicht verfehlte,[312] und obgleich eine kleine "anarchosozialistische" Partei-Opposition zum Generalstreik drängte,[313] ergab eine detaillierte Umfrage bei den Arbeitern, besonders bei den gewerkschaftlich organisierten,[314] die Ablehnung zwar nicht des Klassenstreiks an sich, wohl aber des Klassenstreiks im damals vorliegenden Falle.[315] Da die bloße Wiederholung des Demonstrationsstreiks überdies gar keine Wirkung versprochen, ein mehrwöchentlicher Ausstand aber die Arbeiterschaft den größten Gefahren ausgesetzt hätte,[316] so ließ die Partei den Gedanken des Klassenstreiks vorläufig fallen.

[310] Branting ("Die Generalstreikprobe in Schweden" p. 423) nimmt an, die schwedischen Arbeiter seien durch den Kampf gestärkt worden; dies ist doch wohl fraglich: ein vor dem Streik angesammelter Fonds von 80 000 Kr., um "Bürger, die ohne eigenes Verschulden vielleicht von den Behörden drangsaliert werden", zu unterstützen (Gerichtskosten und dergl.), soll "durch die Konflikte unter den Streikenden stark mitgenommen" worden sein (Branting, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 623). Branting ("Die schwed. Reichstagswahlen") gibt auch einige Fälle zu, "wo fanatische Feinde der Arbeiterbewegung die Situation für Repressalien auszunützen sich bemühten". — Nach Roland-Holst ("G-str. u. Sozd.", p. 62) soll es nur in einer großen Fabrik zu einer kurzen Aussperrung gekommen sein; den Gewerkschaften habe der Streik "so gut wie keine Opfer" gekostet.

[311] Der infolge des Streiks entstandene Gesetzentwurf gegen gemeingefährliche Streiks wurde im Mai 1905 im Reichstag behandelt, von der 2. Kammer aber abgelehnt (vgl. Axel Hirsch, "Lagförslaget mot allmänfarliga sträjker").

[312] Es soll "das Beispiel Finnlands, das durch seinen Nationalstreik das Einkammersystem und allgemeines Stimmrecht für Männer und Frauen mit einem Schlage erreicht hat, ... auf die Arbeiter Schwedens tief gewirkt" haben (Branting, "Die liberale Episode im schwedischen Wahlrechtskampf").

[313] Die sog. "Jungsozialisten", unter Führung von Hinke Bergegren, "die nach anarchistischem Muster den Generalstreik als sozialrevolutionäre Tat feiern" und eine eifrige G-str.-Propaganda betrieben (vgl. Branting, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"; Rdsch. Soz. Mh. Jan. 07).

[314] Die Umfrage wurde von der Parteileitung veranstaltet, um dem Parteitag im Februar 1905 zuverlässiges Material über die Stimmung der Massen zu liefern; schon 1904 hatte die Partei, bei allem Interesse für die Wahlreform, vorläufig von einem G-str. abgesehen (Rdsch. Soz. Mh. Mai 04, p. 410).