2. Es ist nicht überraschend, daß man auf der Suche nach dem außerordentlichen Rettungsmittel gerade auf den Klassenstreik verfiel. Praktische Versuche in andern Ländern standen schon reichlich als Vorbilder zu Gebote.[359] So soll der schwedische und der italienische, sollen die belgischen Klassenstreiks einen Einfluß auf die deutsche Arbeiterbewegung ausgeübt haben.[360] Der Ruhrstreik Anfang 1906 lenkte ebenfalls die Aufmerksamkeit auf Massenaktionen mit politischer Tragweite. Später mag auch die österreichische Wahlbewegung, vor allem aber die russische Revolution[361] die Klassenstreik-Neigungen gefördert haben.

[359] Übrigens wäre, wie Heine ("Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?" p. 754) hervorhebt, bloß um der ausländischen Versuche willen die Massenstreikdiskussion in Deutschland nicht notwendig gewesen.

[360] Bracke, Enquête, p. 86; Bömelburg (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 215); Bebel (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); Cohnstaedt, a. a. O.

[361] Bernstein, "Politischer Massenstr. und Revolutionsromantik"; vgl. auch Lensch, "Politischer Massenstreik und politische Krisis"; Liebknecht in Bremen: "die Frage des Massenstreiks ist die aktuellste Frage unserer gegenwärtigen und künftigen Politik" (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196); Kautsky ("Zum Parteitag") rechnete schon "mit der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit revolutionärer Situationen"; Edm. Fischer, a. a. O., wirft der Leipziger Volkszeitung vor, daß sie, nach ihrem Artikel "Märzluft" vom 8. (oder 18.?) März 04, den revolutionären Generalstreik schon nahe glaube; "zum Glück", meint Fischer, "denkt in unserer Partei kein Mensch daran, diese Phrasen ernst zu nehmen".

3. Einen ferneren Hinweis auf den politischen Ausstand gaben die internationalen Kongresse, voraus der Kongreß von Amsterdam.

4. Weit größere Bedeutung aber erlangten die akademischen Erörterungen des Problems.[362] Sie gingen übrigens von sehr verschiedenen Seiten aus: die größten Partei-Antipoden traten gleich warm für den Klassenstreik ein; freilich dachten sie sich oft ganz verschiedene Dinge darunter, was nicht wenig zu den späteren Verwirrungen beitrug.

[362] Heine, a. a. O.; bei der geringen politischen Bedeutung der deutschen Sozialdemokratie hätten diese akademischen Erörterungen übermäßige Bedeutung erlangt.

Kautsky hatte schon 1891 darauf hingewiesen, daß unter Umständen "ausgedehnte Arbeitseinstellungen große politische Wirkungen hervorrufen können".[363] — Angeregt durch den ersten belgischen Wahlrechtsstreik sprach Bernstein sich 1894 für den "Streik als politisches Kampfmittel" aus, speziell für den Streik als politisches Demonstrationsmittel.[364] 1896 untersuchte Parvus die Wahrscheinlichkeit eines Staatsstreichs und kam zu dem Ergebnis, daß nur der politische Massenstreik im Stande sei, unter Umständen eine bedrohte Verfassung zu schützen.[365] Aber alle diese Anregungen, selbst Parvus' "Kassandrarufe", verhallten, "ohne in der Arbeiterschaft besondere Beachtung zu finden".[366]

[363] Kautsky, "Die soziale Revolution" I, p. 50.

[364] Bernstein, "Der Streik als politisches Kampfmittel".