[365] Parvus, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 199ff. Auch 1901 noch fand Parvus mit seiner aus Handelskrise und Generalstreik kombinierten Zusammenbruchstheorie, die er am 24. Sept. 1901 in der Dortmunder Arbeiter-Zeitung auseinandersetzte, wenig Anklang (vgl. Fischer, "Die neueste Revision ... usw.", p. 295).
[366] Flüchtig, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 445.
Der zweite belgische Wahlrechtsstreik brachte die literarische Diskussion des Klassenstreiks von neuem in Fluß: Bernstein[367] verwies, bei vollster Ablehnung anarchistischer Gedankengänge, auf die Möglichkeit, ja Wünschbarkeit des friedlichen Demonstrationsstreiks zu politischen Zwecken, wie speziell zur Reform des preußischen Wahlsystems, und er bemühte sich vielfach in Wort und Schrift, diesem Gedanken Geltung zu verschaffen. Auch Kautsky griff den Gedanken des Klassenstreiks wieder auf, der für ihn hauptsächlich das Mittel der sozialen Revolution bedeutete. Deshalb erschien ihm auch der politische Massenausstand für Deutschland vorläufig noch unanwendbar, seine Diskussion also auch nicht dringlich, doch lehrreich und wünschenswert.[368] Diese Diskussion nahm aber erst seit 1904, "vor, während und nach dem Kongreß von Amsterdam"[369] einen lebhafteren Charakter in Presse[370] und Versammlungen an; sie erhielt im Sommer 1905 durch die Veröffentlichung von Roland-Holst's "Generalstreik und Sozialdemokratie" neue Nahrung.[371] Dieses Buch, auf Kautskys Veranlassung geschrieben und von ihm in einem Geleitwort der deutschen Arbeiterschaft an's Herz gelegt, erschien gerade im geeigneten Augenblick, um einen bedeutenden, aber nicht ungefährlichen Einfluß ausüben zu können, da es sich ebenso sehr durch Übersichtlichkeit und fesselnde Darstellung, als durch Verkennung der tatsächlichen Machtverhältnisse Deutschlands auszeichnete.[372]
[367] Bernstein, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik".
[368] Zum besseren Verständnis des Auslands, zur klaren Erkenntnis der eigenen Widerstandskraft, zur Vorbereitung auf den Amsterdamer Kongreß wünschte Kautsky eine lebhafte Diskussion der noch wenig geklärten Frage (vgl. die Anmerkung der Redaktion in der "Neuen Zeit", 22, I, p. 134; vgl. Kautsky, a. a. O.; ders., "Zum Parteitag", "Der Bremer Parteitag", "Allerhand Revolutionäres"; ferner Vorwärts, 4. Juli 06).
[369] Bebel, "Der Bremer Parteitag", p. 742.
[370] Z. B. in der "Neuen Zeit" im Anschluß an den Artikel von Hilferding, "Zur Frage des Generalstreiks".
[371] Hingegen gab das Roland-Holst'sche Buch nicht, wie der Vorwärts (4. Juli 06) annimmt, überhaupt erst den Anstoß zur deutschen Massenstreikdebatte.
[372] Roland-Holst's Buch erschien sehr bald schon in 2. Auflage; sicher hat es einen beträchtlichen Einfluß auf den Jenaer Parteitag ausgeübt, obgleich es nicht an scharfer Kritik fehlte: Bernstein (in "Dokumente des Sozialismus", V. 9) wandte sich besonders gegen die von Roland-Holst vertretene Katastrophentheorie, griff auch ihre Darstellung der belgischen Wahlrechtsbewegung an; Heine verurteilt das "Gerede" über den Verlauf eines Massenstreiks in Deutschland als ein "Phantasieprodukt ohne Realität" (a. a. O.); vgl. auch die kritischen Bemerkungen bei Katz, a. a. O. Nr. 34.
5. Eine wesentlich andre Auffassung vom Klassenstreik, als die Parteischriftsteller verschiedener Richtung, vertraten, (vertreten noch), die "Anarchosozialisten", (auch Berliner Lokalisten genannt).[373] Der "Wahlrechtsraub in Sachsen", der "Bruch der Geschäftsordnung im Reichstag", die Neutralitätserklärung der Gewerkschaften hatten auch den Führer der Lokalisten, Dr. R. Friedeberg, zu einer Revision der Taktik veranlaßt, die ihn geradewegs zu "proletarischen Massenaktionen", mit deren Hilfe die "Ideale des Klassenkampfs" wieder in den Vordergrund gerückt werden sollten,[374] zum anarchistischen Generalstreik führte. Um seine Anschauungen auch dem Amsterdamer Kongreß nahe zu legen, sprach Friedeberg am 3. August 1904 in Berlin unter großem Beifall der Anwesenden über "Parlamentarismus und Generalstreik".[375] Ebenso versuchte er dem Jenaer Parteitag vorzudemonstrieren, daß die deutschen Proletarier einen "neuen Kurs" verlangten.[376] Zu diesem Zweck sprach er am 23. August 1905 in Berlin über "Weltanschauung und Taktik des deutschen Proletariats" und veranlaßte seine 3-4 000 Zuhörer,[377] eine anarchosozialistische Resolution, mit Generalstreik als pièce de resistence, anzunehmen (sogen. Feenpalast-Resolution, nach dem Namen des Versammlungslokals).[378] Freilich wies die sozialdemokratische Partei die Friedebergsche Generalstreikpropaganda zurück, wie überhaupt den ganzen "anarchosozialistischen Spuk";[379] dennoch fühlte die Partei sich eingestandenermaßen zum Teil gerade durch die großen Berliner Versammlungen der Lokalisten zur Erörterung des Klassenstreik-Problems genötigt.[380]