[373] Giesberts, a. a. O. p. 30, berechnet ihre Zahl auf 17 000; sie liegen in beständiger Fehde mit den Zentralverbänden; Kampffmeyer ("Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht") setzt die anarchosozialistische Bewegung in Parallele zur Bewegung der "Jungen" von 1891; die Anarchosozialisten hatten sich unter Führung von Dr. R. Friedeberg samt ihrem Blatt, "Die Einigkeit", immer mehr von den offiziellen Gedankengängen der Partei ab- und dem Anarchismus zugewandt.
[374] Friedeberg, Prot. Parteitg. Dresden 03.
[375] Seine Resolution, die den Parlamentarismus verurteilt, der Partei und den Gewerkschaften aber den Generalstreik als ethisches Befreiungsmittel empfiehlt, (vgl. Friedeberg, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32), soll mit Tausenden gegen 6 Stimmen angenommen worden sein (vgl. Friedeberg, "Weltanschauung und Taktik des deutschen Proletariats", Nr. 41); Friedeberg erklärte in einer Berliner Versammlung am 29./8. 04 die Stellungnahme des Amsterdamer Kongresses für eine Konzession an seine Richtung (vgl. Allg. Ztg. 1./9. 04).
[376] Die gleiche Absicht verfolgte die "Einigkeit" (Nr. 35, Sept. 05, Beilage) mit ihrem Artikel "Jena".
[377] Vgl. "Einigkeit", 2./9. 05; Michels, a. a. O. p. 287 ff.
[378] Friedeberg, a. a. O.
[379] Der Anarchosozialismus sei der unvermeidliche Ausbruch "fortschrittshungriger Ungeduld", der "das Kind mit dem Bade" ausschütten wolle (Hue, "Partei und Gewerkschaft"). Vorwärts, Leitart. vom 4. Juli 06, Nr. 152, "Der politische Massenstreik"; Kautsky ("Der Bremer Parteitag", p. 7 ff.) meint, man müsse die Massenstreikdiskussion nicht wegen, sondern trotz Friedeberg betreiben; vgl. ders., Rezension über Friedebergs "Parlamentarismus und Generalstreik".
[380] Vgl. Bebel (Prot. Parteitag Bremen 04, p. 307); mehrfach in der sozialdemokratischen Presse ausgesprochene Vorwürfe, die Parteileitung lasse sich zu sehr durch die Lokalisten beeinflussen, weisen ebenfalls darauf hin, daß die anarchosozialistische Propaganda nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Massenstreikbewegung in Deutschland war.
Das Zusammentreffen all dieser Faktoren macht es begreiflich, daß die deutsche Sozialdemokratie sich dem Klassenstreik zuwandte, dessen sie sich doch so lange Zeit hindurch erfolgreich erwehrt hatte, so auch noch auf dem Dresdener Parteitag 1903, wo Friedebergs Anstrengungen, den Klassenstreik auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags zu setzen, nur bei Kautsky und einigen wenigen andern, "die zur sog. "radikalen" Richtung zählen",[381] Unterstützung fanden. Denn obgleich der Klassenstreik doch nur eine logische Konsequenz der neu beschworenen Katastrophentheorie[382] und der Annahme eines "in greifbare Nähe gerückten" Sieges der Sozialdemokratie dargestellt hätte, gelang es dem Einfluß Legiens und Ledebours, die offiziell radikale Dresdener Mehrheit zur Verwerfung des Friedebergschen Antrags zu bewegen.
[381] Vgl. Kolb, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207, und Flüchtig, "Zur Frage des Generalstreiks"; vgl. auch Prot. Parteitg. Dresden 03, p. 134, 431 ff.