[382] Vgl. Bernstein, "Ist der pol. Streik in Deutschland möglich?"

Doch schon auf dem Bremer Parteitag 1904 trat ein Umschwung in der Beurteilung des Klassenstreiks zu Tage. Zwar fehlte es nicht an Stimmen, die die neuen Bestrebungen für "einfach lächerlich" erklärten.[383] Aber als Dr. Liebknecht, unter Hinweis auf den Wert des Massenstreiks für den Wahlrechtsschutz, auf die Bedeutung der ausländischen Diskussion und das Ansehen der inländischen Verteidiger des Klassenstreiks und unter ausdrücklicher Ablehnung des Generalstreiks Friedeberg'scher Observanz, die Behandlung des Problems auf dem folgenden Parteitag verlangte, und als unter anderen auch Bernstein und Zetkin eine Diskussion der Frage befürworteten, da wurde der Liebknechtsche Antrag mit großer Mehrheit dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen.[384]

[383] So die "Chemnitzer Volksstimme", cit. von Dr. Liebknecht, (Prot. Parteitg. Bremen, p. 190). Katzenstein meinte, die Anhänger des Generalstreiks hätten einen unfruchtbaren Boden zu beackern (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190).

[384] Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190-198; Bebel, der über den Amsterdamer Kongreß referierte, ohne sich aber persönlich zur Klassenstreik-Frage zu äußern, befürwortete deren gründliche literarische Diskussion, ehe die Partei sich offiziell mit ihr zu beschäftigen habe (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); Kautsky erklärte, "mehr als solche Studien sind zunächst in Deutschland nicht erforderlich" ("Der Bremer Parteitag", p. 9).

Während der Klassenstreik in der Partei Anhänger gewann, beharrten die freien Gewerkschaften auf seiner Ablehnung, "einerlei, für welche Zwecke er inszeniert werden soll"[385] und schienen "gegen den Generalstreik-Bazillus immun zu sein".[386] Um jedoch die immerhin gefährlichen Infektionsversuche zu verhindern, sowie um etwaigen, von der Partei zu gewärtigenden, unerwünschten Direktiven zuvorzukommen,[387] wurde der Klassenstreik im Mai 1905 vom Gewerkschaftskongreß in Köln behandelt.[388] Nur ganz wenige Gewerkschaftsführer (so z. B. von Elm) traten dort für den politischen Streik ein. Die Mehrzahl glaubte, in entscheidenden Augenblicken auch ohne vorherige Beschlußfassung die richtige Taktik finden, und selbst eine Zeit der Wahlrechtsverkürzung ohne Klassenstreik überstehen zu können;[389] sie sah in dessen Diskussion daher eine überflüssige Beunruhigung organischer Gewerkschaftsentwicklung und wies "alle Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine bestimmte Taktik festlegen zu wollen", entschieden zurück.[390] Übrigens sollte durch den Kölner Beschluß dem politischen Massenstreik eine event. Funktion in einer event. sozialen Revolution nicht abgesprochen werden.[391] Fast die ganze Partei, voraus die in Köln nicht allzusehr gefeierten Literaten, verurteilten die Stellungnahme der Gewerkschaften.[392] Diese hatten gehofft, durch ihre Resolution die Massenstreikdebatte einzudämmen; aber das Gegenteil trat ein:[393] die Massenstreikdebatte beherrschte mehr und mehr das Parteileben. Sie erreichte ihren Höhepunkt im Herbst 1905 am Parteitag in Jena, wo der Klassenstreik überhaupt im Mittelpunkt des Interesses stand.[394] Von der Stellung der Partei zum Klassenstreik-Problem hing ja auch ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften ab. Vergeblich mahnte eine kleine Minderheit zur Mäßigung. In einem "Taumel" von Begeisterung und Unbesonnenheit nahm der Parteitag, gemäß der Resolution Bebel, den politischen Massenstreik unter die "gegebenenfalls" in Betracht zu ziehenden Eroberungs- und Verteidigungsmittel der Sozialdemokratie auf.[395] Der schon hierdurch, gewollt oder ungewollt, entstandene Gegensatz zur Kölner Resolution[396] wurde übrigens durch den leidenschaftlichen Tatendurst, der einen Teil der Debatte beherrschte, noch bedeutend verschärft. — Der Gedanke, daß der Massenstreikbeschluß dem Parteirenommé wenig dienlich, daß die deutsche Sozialdemokratie hiermit vollständig in eine schon zu Dresden betretene Sackgasse hineingeraten[397] sei, war der Partei selbst vorläufig noch fremd; wurde doch die Jenaer Resolution von einem Teil der Parteipresse geradezu "als ein Weltereignis" gefeiert.[398] Sie befriedigte ja im allgemeinen die Klassenstreikpropheten aller Richtungen: Marxisten sahen den Klassenstreik mit Genugtuung dem Arsenal des deutschen Proletariats eingereiht; Revisionisten (bes. Bernstein) sprachen Bebels Referat in Jena als einen Sieg ihrer Bestrebungen an;[399] Antiparlamentarier und Anarchosozialisten konstatierten zuversichtlich einen "Ruck nach links",[400] ein erstes In-Betracht-ziehen der direkten Aktion.

[385] Vgl. Bebel, vgl. "Der Bremer Parteitag", p. 742.

[386] Legien, "In Köln am Rhein", p. 378.

[387] Vgl. Bömelburg, in einer öffentlichen Maurerversammlung in Leipzig am 14. Nov. 05 (Bericht hierüber im Vorwärts, 16. Nov. 05, 2. Beilage). — Bei den üblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der Partei und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands fürchtete die letztere nicht mit Unrecht, der nächste Parteitag werde einseitig über den M-str. Beschlüsse fassen, die den Gewerkschaftstendenzen zuwiderlaufen könnten (vgl. Bömelburg, Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 215).

[388] Vgl. Prot. Gwft. Köln 05, p. 215-229.

[389] Man habe einst das Sozialistengesetz auch ohne Massenstreik überdauern können. (Vgl. Edm. Fischer, a. a. O. p. 299).