[400] Vgl. Michels, a. a. O.

Alsbald begann auch in Presse und Versammlungen eine muntere Massenstreik-Agitation, mehrfach sogar unter direkter Bezugnahme auf die russische Revolution.[401] Dies steigerte sich noch, als die Absichten der Parteileitung bezüglich der preußischen Wahlrechtsbewegung bekannt wurden; denn zahlreiche Phantasten glaubten nun zuversichtlich, daß die für Januar, März und Mai 1906 vorgesehenen Massendemonstrationen nur ein Vorspiel bedeuten würden, daß die Bewegung sich steigern und im Massenstreik gipfeln müsse.

[401] Vgl. z. B. Paul Göhre, "Sturmzeichen in Deutschland".

Doch schon nach kurzer Zeit erfolgte der Rückschlag. Verschiedene ursprüngliche Verfechter der Massenstreikidee begannen, deren unzeitgemäße Propaganda, die "Revolutionsromantik", die in Presse und Versammlungen aufblühte, energisch zu bekämpfen.[402] Besonders aber setzte die Umkehr des Parteivorstandes dem Massenstreiklärm einen wirksamen Dämpfer auf. Im Sommer 1906 wurde es nämlich bekannt,[403] daß zwischen dem Parteivorstand und der Generalkommission bereits am 16. Febr. 1906 ein "unverbindlicher" Meinungsaustausch betreffend die Opportunität eines momentanen politischen Streiks in Preußen und über die bei einem solchen ev. innezuhaltende Taktik stattgefunden habe, und daß hierbei sechs von Bebel formulierte Thesen zur Annahme gelangt waren, von denen es nun hieß, sie stellten eine Preisgabe der Jenaer Resolution dar.[404] Bebel und der Parteivorstand verwahrten sich aufs bestimmteste gegen eine solche Verdächtigung,[405] die sie auf Entstellung des ersten und wichtigsten der Bebel'schen Sätze zurückzuführen versuchten.[406] Zwischen beiden Fassungen besteht aber durchaus kein prinzipieller, sondern bloß ein formeller und allenfalls gradueller Unterschied; denn in beiden spiegelt sich gleichmäßig der deutliche Wunsch: wenn irgend möglich, nur jetzt keinen Massenstreik![407] Die Abmachungen der Februarkonferenz beschränkten sich nämlich auf die augenblickliche Situation[408] und sollten die Frage des Klassenstreiks an sich nicht weiter berühren. — Diese Angelegenheit bot der Parteipresse reichlichen Stoff zu nicht eben allzu freundlichen Erörterungen.[409] Es handelte sich aber hierbei nicht nur um die Formalitäten;[410] vielmehr tauchten auch materielle Fragen über den Inhalt der Vereinbarung auf, insbesondere, ob der Parteivorstand im Frühjahr 1906 mit Recht von einer Inszenierung des politischen Streiks abgesehen habe, und ob diese seine Handlungsweise im Einklang mit der Jenaer Resolution stehe. Beide Fragen wurden vom Parteitag 1906 in Mannheim bejaht.[411] Nach gründlicher Reproduktion aller diesbezüglicher Streitpunkte erklärte der Parteitag schließlich die Massenstreikbeschlüsse von Köln und Jena als "nicht im Widerspruch" miteinander,[412] als innerlich wesensgleich, so daß die Mannheimer Resolution, trotz zahlreicher "Schönheitsfehler",[413] den Frieden zwischen Partei und Gewerkschaft wieder herstellte. Diese Resolution entsprach im Grunde durchaus den Tendenzen der Februar-Konferenz, da sie auch den politischen Massenstreik zum ganz ausnahmsweisen, vornehmlich defensiven Kampfmittel stempelte und ihn in den hintersten Hintergrund der deutschen Arbeiterpolitik verwies.[414]

[402] Dies führte natürlich zu unerfreulichen Auseinandersetzungen, z. B. zwischen dem Vorwärts und Bernstein (vgl. "Eine Legendenbildung", Leitart. des Vorwärts vom 30. Dez, 05, Nr. 304; Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"). Die "Einigkeit" (9./12. 05) verhöhnte in einem "Chamäleon" überschriebenen Artikel die sogenannten "Hirtenbriefe" von v. Elm, Frohme und Lesche im "Hamburger Echo" vom 23. Nov. 05, Erklärungen, in denen sich die Genannten gegen die revolutionäre Auslegung der Jenaer Resolution wandten (vgl. Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 288). — Bernstein klagte, daß die "Revolutionsverbrämung" die an sich legitime Form seines gewaltlosen Demonstrationsstreiks kompromittiere (a. a. O. und Vorwärts, 30. Jan. 06); vgl. auch Rob. Schmidt, "Irrgänge der Massenstreiktaktik".

[403] Infolge einer Indiskretion der "Einigkeit", die sich wohl besonders ärgerte, daß die preußische Wahlrechtsbewegung so kläglich im Sande verlaufen war.

[404] Die 6 Bebel'schen Sätze notierte sich, da kein Protokoll geführt wurde, ein Teilnehmer, Silberschmidt; in der Silberschmidt'schen Fassung legte die Generalkommission diese Thesen einer Konferenz der Vertreter der Zentralverbände der Gewerkschaften vor (die vom 19. bis 23. Febr. 06 stattfand), die sie ebenfalls akzeptierte.

[405] Vorwärts, 27. Juni, 1. Juli 06.

[406] Jener Satz sei am 16./2. 06 anders von Bebel formuliert worden, als er später im Protokoll der Gewerkschaftskonferenz erschienen sei, und ihn demzufolge auch die "plumpe" Enthüllung der Einigkeit wiedergebe. Die Generalkommission bestritt die Entstellung (Vorwärts, 1. Juli 06). — Nach Bebel soll dieser Satz gelautet haben: "der Parteivorstand hat nicht die Absicht, gegenwärtig den politischen Massenstreik zu propagieren; sollte derselbe aber propagiert werden müssen, so wird sich der Parteivorstand mit der Generalkommission zuvor ins Benehmen setzen". Nach dem Protokoll der Konferenz der Zentralvorstände lautete dieser Satz: "der Parteivorstand hat nicht die Absicht, den politischen Massenstreik zu propagieren, sondern wird, soweit es ihm möglich ist, einen solchen zu verhindern suchen" (Vorwärts, 1. Juli 06).

[407] Die übrigen Sätze enthielten Abmachungen, wie sich Partei und Gewerkschaften zu verhalten hätten, wenn dennoch ein Massenstreik ausbrechen würde.