[544] "Corriere della Sera" (cit. in der Allg. Ztg. 23./9. 04).

Die Massen waren aus allgemeiner Empörung in einen Proteststreik getreten. Der Ausstand hatte von Anfang an kein weiteres Ziel, als eben diesen Protest zum Ausdruck zu bringen, und dies war auch gelungen. Aber es fehlte ein äußerer Zielpunkt, eine klar formulierte, greifbare Forderung. Allerdings war hier und da der Versuch aufgetaucht, der Bewegung ein solches Ziel zu geben: etwa die Demission des Ministeriums, oder ein Gesetz gegen die Verwendung von Militär bei Streiks. Aber all dies faßte nicht recht Wurzel, und es trat immer mehr zu Tage, "daß ein Ziel sowohl in der Sache selbst, als auch im Bewußtsein der Menge fehlte".[545] Immerhin war das Bedürfnis nach einer Art Quittung über die aufgewandte Anstrengung vorhanden, weil man doch nicht mit ganz leeren Taschen vom Kampfplatz abziehen wollte. Deshalb wandten sich die Bürgermeister von Mailand (Barinetti) und Turin (Frola) an den Ministerpräsidenten Giolitti und erhielten von ihm die Zusicherung, daß die Regierung die Streikfreiheit nach wie vor anerkenne und sich bei friedlichen Konflikten zwischen Kapital und Arbeit Neutralität zur Pflicht mache; in diesem Sinne werde sie weiter regieren; auch bedaure sie die schmerzlichen Vorfälle im Süden.[546] Es gehört wirklich eine ziemliche Dosis von Unzufriedenheit mit der Regierungspolitik dazu, um von dieser "nichtssagenden Erklärung",[547] diesem "ausgepusteten Ei",[548] diesem "Ministerversprechen ohne Garantie, daß es auch eingelöst wird", das sich allerdings in die zuvorkommendste Form kleidete, zu behaupten, "un atto simile di sottomissione (d. h. seitens der Regierung) alla piazza non s'era mai veduto".[549] Als Barinetti das Resultat seiner Bemühungen nach Mailand telegraphierte und zugleich die Beendigung des Streiks empfahl, widersetzte sich die Volksversammlung vom 17. September denn auch energisch diesem Rate und forderte Giolittis Demission.[550] Nachdem aber 25 Deputierte der äußersten Linken bei einer Zusammenkunft am 19. September in Mailand beschlossen hatten, auf den 21. September die ganze äußerste Linke nach Rom zu entbieten, um die sofortige Einberufung des Parlaments, die Demission des Ministerpräsidenten und die Verwirklichung eines radikalen Reformprogramms zu fordern, da gab sich die Mailänder Arbeitskammer zufrieden,[551] so gern auch die revolutionäre Gruppe die Bewegung durch möglichste Verlängerung zum Selbstzweck habe machen wollen.[552]

[545] Bissolati, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958.

[546] Allg. Ztg. 20. und 26./9. 04; Musée soc., a. a. O. p. 483, 484; Bourdeau, p. 434.

[547] Bömelburg, (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 220).

[548] Leimpeters, "Zum G-str.", p. 883.

[549] Marazio, p. 158.

[550] Allg. Ztg. 20./9. 04.

[551] Da sie sich wohl der Nutzlosigkeit eines Fortsetzungsversuches bewußt war, so empfahl sie die Wiederaufnahme der Arbeit für den 19., welcher Beschluß am 18. den übrigen Arbeitskammern Italiens mitgeteilt wurde. Nur in Mailand selbst verschob ein Volksversammlungsbeschluß die Wiederaufnahme der Arbeit noch bis auf den 21., und auch in Neapel dauerte der Streik (der Lokomotivführer und Heizer) noch einige Zeit.

[552] Bissolati, a. a. O.