Der Streik endete im allgemeinen so rasch, wie er begonnen hatte. Die Arbeit wurde ohne belangreiche Schwierigkeiten wieder aufgenommen.[553] Trotzdem legte der Streik dem Proletariat "Riesenopfer", "ungeheure materielle Opfer" auf.[554] Der sogenannte Erfolg des Proletariats war also reichlich teuer erkauft.

[553] Roland-Holst, "G-str. und Sozd.", p. 71; Olberg, p. 19, 24; Bourdeau, p. 433.

[554] Leimpeters, p. 883; Olberg, "Die ital. Wahlen", p. 278. 6 Personen wurden infolge des Streiks durch die bewaffnete Macht getötet (4 in Genua, je 1 in Turin und Neapel); dazu zahlreiche Verwundungen, Verhaftungen, einige Hunderte von Verurteilungen.

Und auch die Nachwirkungen des Ausstands ergeben keine günstigere Bilanz. Die nur schwach besuchte Versammlung der äußersten Linken war wenig erfolgreich,[555] da der Streik die linksliberalen Parteien verstimmt, weite Kreise aber geradezu empört hatte.[556] Auf deren Drängen löste die Regierung die Kammer auf und setzte die Neuwahlen schon für den 6. November an.[557] Diese, noch unter dem frischen Eindruck des Streiks vorgenommen, hatten natürlich eine Stärkung der Rechten zur Folge.[558] Kammer und Senat mißbilligten auf's Entschiedenste die Zurückhaltung der Regierung während des Streiks.[559] Giolitti, der bereits im Wahlaufruf der Regierung den Generalstreik einen "abuso di libertà" genannt hatte, versprach, die Angestellten der Eisenbahnen und der unentbehrlichsten "pubblici servizi" im Streikrecht zu beschränken.[560] Dementsprechend verfuhr er in seinem Entwurf für den Eisenbahnrückkauf. Die Eisenbahner wehrten sich durch die originelle Erfindung der "Dienstobstruktion", die am 26. Februar 1905 begann und erst am 5. März, nach Giolittis Rücktritt, beendet wurde.[561] Aber die Verstaatlichungsvorlage seines Nachfolgers (Fortis) entzog den Eisenbahnern durch Verleihung der Beamtenqualität[562] ebenfalls das Streikrecht. Die Vorlage wurde von der Kammer angenommen, obgleich die Eisenbahner ihren Protest durch einen allgemeinen Ausstand zum Ausdruck brachten.[563] Dieser Entwicklung der Dinge entsprach es auch, daß trotz Giolittis Zusage wieder Militär bei Streiks zur Verwendung kam.[564] Den Folgen auf parlamentarischem Gebiet entsprachen die auf kommunalem. Alle Städte, in denen die Sozialisten auch nur 24 Stunden regiert hatten, sollen sich von ihnen abgewandt haben; besonders verloren sie auch ihre Herrschaft im Mailänder Gemeinderat,[565] und viele Kommunalverwaltungen entzogen alsbald den Arbeitskammern die bisher gewährte Unterstützung.[566]

[555] Allg. Ztg. 26./9. 04.

[556] Bissolati, "Die Entscheidung in Rom", und "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958; Marazio, p. 168, sagt: "lo sciopero generale colmò la misura, e destò un così vivo e profondo sdegno nella pubblica opinione, da indurla a mandare un grido d'orrore contro il governo, che aveva lasciato passare la furia devastatrice senza farle argine".

[557] Vgl. Olberg, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380; Bissolati, "Das Ergebnis der ital. Wahlen", p. 958; Turati, a. a. O.

[558] Turati, a. a. O.; Bissolati, a. a. O.; Bömelburg, a. a. O. Es hatte sich infolge des G-streiks das in der Bildung begriffene Kartell der Volksparteien gelöst; Radikale und Sozialisten schritten also getrennt zur Wahl; übrigens behaupteten die Sozialisten die Zahl ihrer Mandate (soweit dieselben selbständig erworbene waren, vgl. Marazio, p. 162), verdoppelten auch die Zahl ihrer Stimmen von 164 946 (1900) auf 316 000 (vgl. Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 88); von einem Vergleich mit den Ergebnissen der dazwischenliegenden Erneuerungswahlen, deren Zahlen auf Grund von Wahlkompromissen unverhältnismäßig angewachsen sein sollen, sei abzusehen (vgl. Olberg, "Die ital. Wahlen").

[559] Marazio, p. 160, 173, 174.

[560] vgl. Marazio, p. 170; Turati, a. a. O.