Es folgten nun noch stürmische Auftritte in der Versammlung der Arbeitervorstände. Die Anarchisten suchten nämlich den Mißerfolg auf sozialdemokratischen "Verrat" zurückzuführen, statt die Ursachen dafür in der mangelhaften Vorbereitung, Organisation und Führung,[602] in der Überschätzung der proletarischen und Unterschätzung der staatlichen Macht, kurz, in der Unrichtigkeit des Streikbeschlusses überhaupt zu erkennen.
[602] Vgl. Roland-Holst, "Zur Lage in Holland", "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland" und "G-str. und Sozd.", p. 121.
Die Opfer des Streiks waren außerordentlich groß. Es kam zwar nur zu wenigen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht, da die Ausständigen im großen und ganzen gute Disziplin hielten.[603] Hingegen litten die Arbeiter auf's Empfindlichste unter den wirtschaftlichen Folgen des Streiks.[604] Die Unterstützung seitens der Organisationen[605] konnte die Gemaßregelten und deren Familien nicht vor Not und Elend bewahren.[606] Auch die Gewerkschaften erlitten einen schweren Stoß[607] und sollen sich erst neuerdings von der "ökonomischen Katastrophe" erholt haben.[608]
[603] Es kamen allerdings auch Versuche vor, den Eisenbahnbetrieb durch Unbrauchbarmachung der Maschinenwasserbehälter und Wegschaffung von Lokomotivteilen zu gefährden (vgl. Allg. Ztg. 7./4. 03); andererseits verlangte z. B. eine Dockarbeiterversammlung in Rotterdam am 6./4. Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung, insbesondere Vermeidung von Tätlichkeiten gegenüber Arbeitswilligen, um der Regierung keinen Anlaß zu scharfen Maßregeln zu geben (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.).
[604] In den ersten Wochen waren fast 5 000 Arbeiter ausgesperrt; zwar wurde die Sperre im Transportgewerbe am 20./4. wieder aufgehoben; aber von den Eisenbahnern, die am meisten litten, waren bis zum 21./4. bereits 1 600 Mann entlassen. "Hunger, Verzweiflung, selbst der Selbstmord hat unter den 5 000 Opfern dieses Kampfes gewütet" (Troelstra, Prot. intern. Kongr. Amsterdam 04, p. 8).
[605] Die niederländische Partei gab 22016,32 Gulden; die deutsche sozialdemokratische Partei schickte, auf den Appell der niederländischen Partei, vom 21./4., an die internationale Solidarität, 9 000 M (vgl. Bericht des Parteivorstands an den 10. Parteitag der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands, Ostern 04, in Dordrecht).
[606] Vgl. van der Goes, a. a. O. p. 257.
[607] Eine Ausnahme bilden die gut organisierten Diamantarbeiter und die Rotterdamer Hafenarbeiter. Vor allem wurde "die große, prächtige, mächtige Eisenbahnerorganisation ... zerstört" (vgl. Troelstra a. a. O.; Prot. Gewerkschaftskongr. Köln 05, p. 225; Roland-Holst, "Zur Lage in Holland").
[608] Bericht des intern. sozialistischen Bureau über den G-str. in Holland (cit. bei Katz, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3.); Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.".
Die sozialdemokratische Partei scheint ohne wesentliche Beeinträchtigung aus dem Generalstreik hervorgegangen zu sein.[609] Sie hatte von jeher die anarchistische Generalstreikidee bekämpft, sich aber, als proletarische Parteivertretung, verpflichtet gefühlt, der Arbeiterschaft beizustehen, obwohl sie den Aprilstreik von vornherein als eine aussichtslose und verfehlte Unternehmung angesehen hatte.[610] Die Erfahrungen dieses Streiks bestärkten einen Teil der niederländischen Sozialisten, so vor allem Vliegen, in der strikten Ablehnung jedes Klassenstreiks überhaupt. Die Mehrheit der Partei aber erklärte sich bereits auf dem Parteitag von Enschede, bloß zwei Monate nach dem unglücklichen Generalstreik ausdrücklich für den politischen Massenstreik.[611] Sie wiederholte dies auch auf dem Parteitag 1904 in Dordrecht und arbeitete hiermit dem internationalen Kongreß in Amsterdam vor.[612]