[634] Vgl. Streltzow, a. a. O.
[635] Es streikten Handels- und Bankangestellte, Lehrer, Schauspieler, Advokaten, Ärzte, Apotheker, Seminaristen, Ingenieure, Staatsbeamte (Richter, Telegraphisten, Eisenbahnbeamte), Kellner, Dienstboten usw. (vgl. Kropotkin, "Die direkte Aktion und der Generalstreik in Rußland"; Streltzow, a. a. O.).
[636] Vgl. Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; Streltzow, a. a. O.; Plechanow (cit. bei Streltzow) sagt: "die allgemeine Sympathie ersetzte den Arbeitern die Unzulänglichkeit der Organisation". — Semstwoleute, Staatsbeamte, Ingenieure sollen Streikfonds zur Unterstützung streikender Arbeiter gegründet haben (Streltzow). In der Streikleitung seien bürgerliche Elemente, z. B. höhere Eisenbahnbeamte, vertreten gewesen. Die Unternehmer sollen mehrfach während des Streiks den Lohn weiter gezahlt und sich regelmäßig mit den Arbeitern solidarisch erklärt haben (Streltzow). Die Frage, inwieweit hierbei Furcht vor den Drohungen der Arbeiter eine Rolle spielte (vgl. N. Z. Z. 8. Dez. 05, 2. Beilage, Nr. 340), kann hier natürlich nicht entschieden werden. Die Roland-Holst'sche Auffassung, das russische Proletariat habe "den Angriff gleichzeitig gegen die ökonomischen Ausbeuter, wie gegen die staatlichen Unterdrücker gewendet", und es habe, "was es den Ersten abtrotzt, gebraucht, um die Zweiten weiter zu bekämpfen" (vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 215), geht wohl zu weit.
Der Klassenstreik war die typische Form, in der die russischen Arbeiter sich an der Revolution beteiligten.[637] Er war eine überaus bedeutende Begleiterscheinung der russischen Revolution, doch immerhin nicht diese selbst. Seinen Erfolg dankte er den ganz einzigartigen Umständen, unter denen er stattfand. Aber selbst in Rußland hat der Massenstreik zu politischen Zwecken vorläufig seine Rolle ausgespielt,[638] und um so mehr muß man sich hüten, in den russischen Erfahrungen einen Fingerzeig für die proletarischen Kämpfe anderer Länder zu erblicken.[639]
[637] Wollten sich die Arbeiter überhaupt an der Revolution beteiligen, so mußten sie die Arbeit verlassen, woraus naturgemäß der Streik entstand. Der "spontane" Ausbruch desselben, ohne vorherige literarische Entdeckung und parteitägliche Sanktionierung, ist daher nichts Überraschendes. Roland-Holst erachtete übrigens, trotz dieses sie so sehr befriedigenden politischen Streikdebuts der russischen Arbeiter, bei diesen die theoretische Vertiefung des Problems für notwendig. Ihr Generalstreikbuch erschien auch in russischer Sprache (vgl. "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution", p. 214 ff.).
[638] Streltzow: "Darin sind wohl alle namhaften russischen Politiker nur einer Meinung"; nur gewisse Sozialrevolutionäre glauben noch, daß jetzt die Ära der gewaltsamen Streiks beginne. Nach Labriola, "Riforme e Rivoluzione sociale", p. 163, bestünde die den russischen M-streiks entnommene Bereicherung der revolutionären Erfahrung in der "combinazione dello sciopero generale con la dimostrazione armata e l'uso personale degli esplosivi". Übrigens war natürlich nicht andauernd gestreikt worden, sondern die Bewegung ruhte vorübergehend hier und dort; die Arbeiter sammelten inzwischen wieder Kräfte; der Streik war also parzelliert (Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 105 ff.). — Es wurde noch bis in den Dezember 1905 hinein gestreikt, aber die Beteiligung nahm ab (Streltzow, a. a. O.), der Erfolg blieb aus, und durch die Mißerfolge wurde der Streik diskreditiert, "der Glaube an seine schöpferische Kraft ging verloren" (Bernstein, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"; vgl. auch Bebel, Prot. Parteitg. Mannheim 06). Inzwischen hatten sich nämlich Staat und Gesellschaft organisiert. Im Oktober hatte die Regierung dem Streik isoliert gegenüber gestanden; andernfalls hätte sie gewiß die "in ihrer materiellen Bedeutung nicht sehr erheblichen Arbeiter" bald unterworfen gehabt (Katz). Die Arbeiter aber hatten sich durch ihre Methode der Abstoßung der liberalen Elemente selbst isoliert (Streltzow, p. 135). — Die Frankf. Ztg. meldet am 20. Juni 1907 aus Petersburg, die sozialdemokratische Konferenz habe darauf verzichtet, die Dumaauflösung mit dem Massenstreik zu beantworten, da dieser "mit Rücksicht auf die mangelnde Organisation des Proletariats" jetzt scheitern würde.
[639] Dies scheint z. B. M. Beer ("La grève générale, son histoire et sa signification", Dez.-Nr. von "The Social-Democrat", vgl. Bulletin Bibliographique de la Revue socialiste, Janvier 06, p. 125) zu tun; ähnlich Roland-Holst (a. a. O. und "Der politische Massenstreik in der russischen Revolution"). Vor derartigen Verallgemeinerungen warnen z. B. Streltzow a. a. O. und Bernstein a. a. O.
c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der Klassenstreik.
§ 20.
Die Sozialisten schenkten der Klassenstreik-Idee anfänglich keine besondere Beachtung, und sie ignorierten auch die auf dem internationalen Kongreß in London 1888 französischerseits gemachten diesbezüglichen Andeutungen.[640] Um so eifriger bemühten sich die Anarchisten, diesen ihren Lieblingsgedanken[641] in die "Neue Internationale" einzuführen, erfuhren hierbei aber, wie bei allen ihren Projekten, schroffste Ablehnung.