[640] Vgl. Pouget (Enquête, p. 42).
[641] Die Anarchisten verdankten zum guten Teil dem G.-str. die Wiederbelebung ihrer Bewegung (vgl. Vliegen, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 195). Eine Anarchisten-Konferenz in London, im Frühling 1902, beriet über die Propaganda eines G-streiks in Deutschland, Österreich-Ungarn und Dänemark und beschloß die wöchentliche Verbreitung von 100 000 Exemplaren eines unter dem Titel "Generalstreik" zu gründenden Anarchistenblattes in den deutschen Gewerkschaften (vgl. N. Z. Z., Nr. 137, 17. Mai 02). — Neuerdings erklären die Anarchisten übrigens den G.-str. und die Gewerkschaft "als mächtige revolutionäre Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution" (vgl. die Resolution Malatesta vom internat. Anarchistenkongr. in Amsterdam am 31. Aug. 1907 [vgl. Frankf. Ztg., Sept. 07]).
Auf dem internationalen Kongreß in Paris 1889 hatte Tressaud den Generalstreik zur Verstärkung der gerade damals beschlossenen Maidemonstration, ferner als Eröffnungsakt der sozialen Revolution empfohlen. Aber nur zwei Delegierte unterstützten diesen Antrag, der von Liebknecht aufs Entschiedenste zurückgewiesen wurde.[642]
[642] Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126.
Der folgende Kongreß, Brüssel 1891, hatte sich u. a. mit der Stellung des Proletariats zum Militarismus zu befassen. Bei dieser Gelegenheit plädierte der holländische Anarchist Nieuwenhuis, nur von den holländischen und einem Teil der englischen und französischen Delegierten unterstützt, für den Generalstreik im Kriegsfalle. Aber sowohl dieser Vorschlag, wie auch Nieuwenhuis' Plan der Stellungsweigerung, wurde abgelehnt.[643] Eine Resolution der Engländer und Franzosen, wonach die Arbeiter "sich durch eine starke Organisation auf die Möglichkeit eines Generalstreiks vorbereiten" sollten,[644] erfuhr das gleiche Schicksal.
[643] Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 24, 27-31.
[644] Vgl. Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p. 19.
Auf Antrag der französischen Sektion erschien sodann die Frage des Generalstreiks auf der Tagesordnung des Kongresses in Zürich 1893.[645] Eine Kommissions-Resolution, die allerdings nicht mehr zur Erörterung im Plenum gelangte, lehnte den Weltstreik ausdrücklich ab. Aber, offenbar unter dem Eindruck des erst kurz zuvor stattgehabten belgischen Wahlrechtsstreiks, erklärte jene Resolution den Massenstreik für eine unter gewissen Voraussetzungen "höchst wirksame Waffe nicht bloß im ökonomischen, sondern auch im politischen Kampfe". Dies ist das erste Aufflackern eines Flämmchens, das nach und nach zu einem ansehnlichen Feuerwerk angewachsen ist, und das den internationalen, vor allem aber den deutschen Sozialismus eine Zeit lang völlig beherrschte. — Der französische Antrag, den Generalstreik in allen Ländern zu dekretieren, sofern die Regierungen nicht innerhalb Jahresfrist dem Verlangen des Zürcher Kongresses nach einer internationalen Staatenkonferenz zur Durchführung des Achtstundentags entsprächen, wurde schon in der Kommissionsberatung abgelehnt. — Bei dem Punkte "Stellung der Sozialdemokratie im Kriegsfall" empfahl Nieuwenhuis wieder sein Militärstreikprojekt, das er diesmal auf die Reservisten und die für die Kriegsführung unentbehrlichsten Lohnarbeiter beschränkt hatte; es wurde aber wiederum abgewiesen.
[645] Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 11, 17, 53 ff.
Bei Behandlung der proletarischen Wirtschaftspolitik berührte auch der Kongreß in London 1896 die Klassenstreikfrage.[646] Zwar hielt er "die Möglichkeit für einen internationalen Generalstreik nicht gegeben"; immerhin empfahl er den Ausbau der gewerkschaftlichen Organisation auch als Voraussetzung der Streikerweiterung auf ganze Industrien und Länder.