[646] Vgl. Prot. int. Kongr. London 1896, p. 29.

Da ein Teil der französischen Sozialisten mit dem Londoner Resultat unzufrieden war, verlangten die Allemanisten die Behandlung des Klassenstreiks auch auf dem Kongreß in Paris 1900.[647] Die Kommissionsminderheit, die sich, wie Legien hervorhob, bezeichnenderweise aus französischen, italienischen und solchen Delegierten zusammensetzte, in deren Ländern überhaupt noch keine Gewerkschaftsorganisationen bestanden, verlangte durch Briand die Vorbereitung des Generalstreiks zur Erreichung revolutionärer, wie reformistischer Ziele. Der Kongreß begnügte sich jedoch mit der Wiederholung des Londoner Beschlusses.

[647] Vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 7, 31 ff.

Am Amsterdamer Kongreß 1904 wehte aber bereits ein ganz anderer Wind. Auch in sozialistischen Kreisen hatte man nun nämlich angefangen, sich recht eifrig mit der Klassenstreikidee zu beschäftigen.[648] Infolge der Erfahrungen, die inzwischen bei mehreren Riesenausständen gemacht worden waren, infolge der Fortschritte anarchistischer Tendenzen in gewissen Gewerkschaftskreisen und infolge verstimmender politischer Ereignisse hatte sich eine Wandlung in der sozialistischen Kritik des Klassenstreiks vollzogen. Der Kongreß errichtete zwar wiederum eine scharfe theoretische Grenzlinie gegenüber der anarchistischen Generalstreikpropaganda, erklärte aber, daß der politische Massenstreik unter bestimmten Voraussetzungen, zu bestimmten Zwecken, akzeptiert werden müsse.[649] — Die Gegner des Klassenstreiks tadelten den kompromißartigen Charakter der Amsterdamer Resolution;[650] knüpfte sie doch die Verwirklichung des politischen Massenstreiks an so ungeheure Voraussetzungen, daß bei strikter Interpretation die Aufnahme des Klassenstreiks in das sogenannte Arsenal der proletarischen Kampfmittel illusorisch wurde. Die Anarchisten und Syndikalisten aber beklagten den parlamentarischen Beigeschmack der Resolution. Immerhin begrüßten sie dieselbe mit Genugtuung als eine Annäherung des internationalen Sozialismus an die "direkte Aktion".[651] Die Amsterdamer Resolution, diese Verlegenheitsresultante aus den von Land zu Land so verschiedenen proletarischen Tendenzen, gab allen Parteirichtungen Gelegenheit zu Lob und Tadel, weil sie im Grunde eben wirklich nur besagte: "Sans doute, la grève générale peut être utile, mais elle est impraticable".[652] — Auf dem Stuttgarter Kongreß von 1907 spielte der Klassenstreik keine Rolle mehr.

[648] Hiervon legt die vom Juni bis September 1904 erschienene internationale Enquête Zeugnis ab.

[649] Die Resolution der Allemanisten, die das Studium und die Vorbereitung des G-streiks, dieses wirksamsten Mittels der sozialen Revolution, verlangte, wurde abgelehnt, ebenso die Resolution der Guesdisten, die den G-str. als Organisations- und Kampfmittel anerkannte, ihn aber zur reinen Gewerkschaftsangelegenheit erklärte, deren bloße Unterstützung der sozialist. Partei obliegen sollte (vgl. Prot. int. Kongr. Amsterdam 1904, p. 27-30).

[650] Vgl. Wolfg. Heine, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?" p. 754.

[651] Diese Auffassung in anarchistischen Kreisen konstatiert z. B. Bömelburg (Prot. Gewerkfts. Kongr. Köln 1905, p. 218.)

[652] Vgl. "Chronique" du Musée sociale, Oct. 1904, p. 455.