b) Der Entschluß zum Klassenstreik entsteht nur, wenn eine tiefgreifende und allgemeine proletarische Erregung[656] die Widerstände gegen den Streik, die in der Arbeiterschaft selbst vorhanden sind, ausschaltet. Diese Erregung ist aber an bestimmte Voraussetzungen geknüpft, von mannigfachen Faktoren abhängig.
[656] Diese allgemeine Erregung betrachten Bebel (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 277 ff.), Bömelburg (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 333, u. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228), Bernstein ("Pol. M.-Str. u. pol. Lage"), Adler (Prot. Parteitag Wien 1894, p. 78, und Parteitg. Wien 1905, p. 131), Zetkin (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05), Kautsky ("Allerhand Revolutionäres") p. 735, und viele andere als unerläßliche Voraussetzung des Klassenstreiks.
Vorbedingung ist ein Ereignis oder ein Tatbestand, der in hohem Maße die Unzufriedenheit des Proletariats erweckt, der, auch wenn er nur eine Gruppe von Arbeitern persönlich berühren sollte, doch als eine der Gesamtheit angetane wirtschaftliche, politische oder ethische Unbill empfunden wird.[657] Sei es, daß infolge allgemeiner Zeitumstände, (wie Krieg, Teuerung, Hungersnot, Krise,[658] Staatsstreich[659] oder Revolution), den Arbeitern der Druck ihrer Lage besonders deutlich zu Bewußtsein kommt, sei es, daß sie ihre bisherigen Rechte bedroht glauben, sei es endlich, daß ihnen infolge ihrer eigenen Entwicklung oder infolge von proletarischen Errungenschaften in anderen Ländern eine Verbesserung auch ihrer Position als dringende Notwendigkeit erscheint.
[657] Ein Mitempfinden fremder Leiden, wie beim Sympathie- und Solidaritätsstreik, setze schon ein gewisses Maß von Klassengefühl, resp. Klassenbewußtsein voraus (vgl. auch Roland-Holst, "G-str. u. Sozd.", p. 5, 10, 11); Polledro (a. a. O., p. 383, 384) teilt die Klassenstreiks sogar geradezu ein in sciopero generale "di conquista" (resp. resistenza), und sciopero generale "di solidarietà".
[658] Vgl. Parvus in der Dortmunder Arbeiterzeitung, 24./9. 01, cit. bei Edm. Fischer, "Die neueste Revision unserer Theorie und Taktik".
[659] Vgl. Parvus, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 394.
Daneben hängt es noch von einer Reihe teils gegebener, teils künstlicher Faktoren ab, ob ein solches Ereignis die zum Streikentschluß notwendige Erregung auszulösen, also auch wirklich einen Klassenstreik zu veranlassen vermag.
1. Eine bedeutende Rolle spielt hierbei die schon erreichte Position des Proletariats. "Moins un prolétariat a de droits politiques, plus il recourt à la grève générale."[660] Solange die Arbeiter wirklich "nichts ... zu verlieren" haben, "als ihre Ketten", wird ihnen der Klassenstreikentschluß verhältnismäßig leicht fallen. Je geringer aber die Spannung zwischen dem schon Erreichten[661] und dem noch begehrten Fehlenden, um so größer die Zurückhaltung gegenüber gewagten Unternehmungen (wie bei den deutschen freien Gewerkschaften), um so sorgfältiger die Prüfung des Risikos in sozialer und persönlicher Richtung.[662]
[660] Jaurès, "Grève et Révolution" (Humanité, 5. Nov. 05).
[661] Es handelt sich dabei um politische und wirtschaftliche Positionen. Z. B. wird auch die Rücksicht auf mühsam errichtete Tarifwerke ein Streikentschluß-Erschwernis bilden (vgl. Giesberts, "Die Utopie des Generalstreiks", p. 35).