Sie ist erst zwei Monate verheiratet und hat zuweilen noch recht mädchenhafte Bewegungen. Die Stadträtin Meerboom wird dabei ein wenig unsanft gestreift und sagt mit ihrer harten, im Stadthaus erprobten Stimme: »Nein, meine Tochter nehme ich zu solchen Anlässen nicht mit.«
»Ach, gnädige Frau«, ruft Justizrat Bernhard aus, bei dem Adelheid nun angelangt ist, und er freut sich mit vielen überschwenglichen Worten der Begegnung.
Sein Neffe ist sehr rot geworden, als die junge Frau ihm die Hand reicht, und Adelheid sagt wie zur Entschuldigung: »Ja, wir haben in der Tanzstunde miteinander getanzt.«
Dann wird sie traurig, denn ihr Mann und die Eltern scheinen spurlos verschwunden. Sie hat das unendlich schmerzliche Gefühl eines Kindes, das sich verlaufen hat und der tiefen Vereinsamung urplötzlich schreckhaft gewahr wird.
Das im Verhältnis zur kleinen Figur etwas zu große, jugendlich gerundete Gesicht mit den weichen dunklen Haaren wird in solchen Stimmungen immer ganz und gar von den großen sprechenden Augen beherrscht. Rechtsanwalt Bernhard hat das Empfinden, daß er ihre Hand ergreifen und sie zu den Eltern zurückführen müsse.
Da hellt sich ihr Gesicht auf, es ist ihr wie im Traum, daß Joachim Becker, ihr Mann, mit seinen langen festen Schritten auf sie zukommt, ihre zitternde Hand küßt und nach der Begrüßung der beiden Herren besorgt sagt: »Habe ich dich endlich gefunden!«
Er führt sie zu einer der langen Tafeln, wo der Kommerzienrat und seine Frau ihr herzlich entgegenlächeln, auch der Oberbürgermeister ist da und die Stadträtin Meerboom, aber sie sind lange nicht mehr so streng, und Adelheid beißt mutig in die belegten Brote, die man in die Hand nehmen muß, weil es nur ein ganz zwangloser Imbiß sein soll.
Man plaudert sehr lebhaft, die Herren rufen laut und lustig nach Bier, schieben ihre leeren Teller beiseite und bekommen reichliche Nachfüllung. Direktor Becker lächelt befriedigt, er hängt immer mit einem Blicke an Herrn Gregor, der das Ganze überwacht; doch es ist nichts auszusetzen.
»Oh, dafür war auch gesorgt,« antwortet er auf eine Frage der Stadträtin, »bei Regenwetter hätten wir drüben in der kleinen Lagerhalle gedeckt.«
Da wagt auch Adelheid eine Bemerkung: »Aber die Waren,« sagt sie, »wohin hättet ihr dann die Waren geschafft?«