»Das ist doch nicht möglich,« sagt sie empört, »er ist doch heute morgen ins Bureau gegangen —«
Aber da wirft sie den Hörer hin, als ob er ihr die Finger verbrenne. Was hat sie denn da für eine Dummheit gemacht? Wenn er nicht ins Bureau gegangen ist, so hatte er wohl seine Gründe dafür, und es wäre keinem Menschen etwas Besonderes aufgefallen, wenn sie nicht jetzt darauf aufmerksam gemacht hätte. Ihr blieb es vorbehalten, ihn zu verraten.
Sie rennt in dem kleinen Kontor zwischen Tür und Schreibtisch umher und ringt die Hände.
Herr Karcher hat das Telephon in Ordnung gebracht und sieht stumm und hilflos in sein Kontobuch. Es ist fünf Uhr und seine Arbeitszeit war vor einer Stunde beendet. Er mußte länger bleiben, weil Schwester Emmi telephonieren wollte. Was hätte sie denn sonst anfangen sollen? —
Vor dem Hafentor steht Irmgard Pohl, die um fünf Uhr eingeladen war. Sie denkt keinen Augenblick daran, daß Schwester Emmi sie vergessen haben könnte; es werden wichtige Arbeiten genug vorliegen, die sie verhindern, ihr entgegenzugehen.
Das Warten in der schönen klaren Winterluft wäre auch nicht so unangenehm, wenn sie nicht fürchten müßte, Joachim Becker zu begegnen und wenn nicht ein breiter untersetzter Herr mit einem kräftigen Schnurrbart gleichfalls in der Nähe des Wächterhauses spazierenginge. Sie weicht zwar seinen Blicken aus, aber sie fühlt, daß sie von Kopf bis Fuß gemustert wird.
Hinter dem Tor, in der Nähe des Verwaltungsgebäudes, erscheint immer wieder ein kleiner Herr mit gespreiztem Gang, der gleichfalls jemand erwartet. Wenn er auf seinem merkwürdigen Spaziergang in die Nähe des Tores kommt, kann er sie sehen, obgleich sie sich Mühe gibt, ihm auszuweichen. Irmgard weiß nach Schwester Emmis Beschreibungen, daß es der Kapitän ist, sie hat ihn auch oft genug vom Mühlenplatz, jenseits des Kanals, bemerkt, ebenso wie er bei gelegentlichen Blicken zum Nachbarn die Mühle und ihre Angehörigen wohl beobachten kann.
Als er wieder in die Nähe des Tores kommt, gibt sie endlich das Spiel auf. Sie geht zum Wächter und fragt nach der Fürsorgeschwester, so daß der Kapitän es hören kann.
»Wollen Sie hier hinein?« fragt der Kapitän.
Ja, wenn es erlaubt sei und sie Schwester Emmi sprechen könne. Und weil sie glaubt, daß man sich hier als Besucher ausweisen muß, fügt sie hinzu: »Ich bin Ihre Nachbarin, Irmgard Pohl.«