Ihr Gesicht brennt, und sie ist von heftigem Groll gegen den Kapitän erfüllt. Während sie abenddunkle Straßen aufsucht, um ihre Gedanken zu ordnen, wird ihre Abneigung gegen ihn immer stärker. Wohl hat er sie sehr liebenswürdig empfangen, obgleich sie kein Verlangen danach hatte, seine Bekanntschaft zu machen, aber als es darauf ankam, ihr beizustehen, versagte er.
Wie hätte Joachim Becker sich in dieser Situation benommen? Oh, er wäre der Zumutung des Kommissars sofort ganz energisch begegnet. Er hätte sie wie ein Ritter geschützt. Der Kapitän jedoch stand zwischen beiden Parteien und wollte niemand zu nahe treten.
Sie haßt diese lauen Menschen, sie haßt den Kapitän. Nur der Gedanke an Schwester Emmis treue Bereitschaft söhnt sie wieder aus.
Sie beginnt, sich von ihrem Groll gegen den Kapitän abzuwenden und über Schwester Emmis Schicksal nachzudenken. Das ist ein armer schwacher Mensch, der in seiner Liebe zu den anderen wirklich sehr weit geht. Hat sie sich nicht zuviel mit diesem eleganten, blassen Herrn Gregor abgegeben, der nun verhaftet werden mußte?
Irmgard Pohl weiß nicht, welches Vergehen dem Herrn Gregor vorgeworfen wird, aber so viel stand fest, daß er von Schwester Emmi eine Reisetasche forderte und flüchten wollte. Er kam einfach in ihr Zimmer und sagte »Du« zu ihr.
Frau Pohl hatte wohl recht damit, daß die blonde Fürsorgeschwester leichtsinnig sei und keinen moralischen Halt habe. Doch warum sollte sie diesen Menschen nicht auf ihre Art lieben?
Da steht sie nun mutig vor den beiden Herren, läßt sich ausfragen und gibt klare Antworten, ihr Freund aber ist mit Handschellen abgeführt worden, und wenn sie am Morgen aus ihrem Zimmer geht, so begegnet sie ihm weder auf dem Korridor noch unten im Hafen. Sie wird ihn nirgends mehr treffen, denn er sitzt hinter dicken Mauern und hat viel Zeit, über seine Vergehen und über Schwester Emmis Liebe nachzusinnen.
Während Irmgard Pohl ihren Beruhigungsspaziergang fortsetzt und an das Protokoll denkt, in dem nun ihr Name nicht verzeichnet ist, fällt ihr ein, daß auch eine Reisetasche für das Verfahren von Bedeutung sein kann. Hat der Verhaftete sie nicht für die Flucht benutzen wollen? Sie gehört ihm nicht, und wer sie ihm gegeben hat, macht sich der Beihilfe schuldig. Oh, das kluge Fräulein Pohl, das eine Handelsschule besucht hat und jetzt Sekretärin in der Mühle ihres Vaters ist, vermag sehr logisch zu denken, was sonst nicht Frauenart ist.
Sie verfügt nun wieder über ihren klaren Verstand und hat alle Folgen eines Strafverfahrens vor Augen. Man liest nicht ohne Gewinst die Zeitungen und vernimmt von Indizienbeweisen und Zeugenaussagen. Wer weiß außer ihr, daß Herr Gregor den Koffer für eine Geschäftsreise forderte und sonst kein Wort darüber verlor?
Schwester Emmi hatte ihren Besuch mutig vor dem Protokoll gerettet. Was aber tat Irmgard Pohl? Sie dachte nur an die Rettung ihres Namens und rannte davon.