»Widersprüche?« fragt Irmgard ängstlich. Sie weiß, daß Frauen in der Notlage immer zuerst zu einer Lüge greifen. Was mochte also Schwester Emmi ausgesagt haben?
»Sie meinten vorhin, daß ich mich in die Mitte stelle. Damit haben Sie recht. In diesem Fall gehöre ich dahin, und ich kann Ihnen nicht die Erklärungen geben, die Sie vielleicht wünschen. Ihren Besuch darf ich nicht ungeschehen machen, wenn Sie mir deswegen vielleicht auch grollen. Sie sehen, wie unrecht es war, vorhin von der Mitte abzuweichen und Ihnen die Vernehmung zu ersparen.«
»Ach, sind Sie da schon von der Mitte abgewichen?«
Er überhört durchaus nicht die Ironie in ihrer Frage. Sein Gesicht scheint, soweit es überhaupt Gefühlsregungen verraten kann, traurig und verfallen.
»Ja,« sagt er, »wir Menschen in der Mitte werden verachtet, weil wir es keinem recht machen — weder dem einen noch dem anderen. Wir haben keine Feinde, aber wir verschaffen uns auch keine Freunde.«
Er erhebt sich und tritt damit aus dem Lichtkreis der Lampe. Dann nimmt er seine Wanderung im Zimmer wieder auf und spricht weiter:
»Wer fragt danach, warum es ein Mensch für richtig hält, immer in der Mitte zu stehen und damit niemand unrecht zu tun? Wir würden einander viel Ärger und Leiden ersparen, wenn wir uns alle daran halten wollten.«
Irmgard muß an Joachim Becker denken, der niemals in der Mitte steht, sondern immer auf der einen Seite, während er der anderen Unrecht zufügt. Und sie selbst gehört zu der leidenden Partei. Hätte er aber sonst diesen Hafen gegründet?
»Wohin sollte das führen?« fragt sie den Kapitän. »Wäre dann ein Cäsar oder ein Napoleon möglich? Und wo blieben ihre ungeheuren Taten? Ich denke mir, daß jedes große Werk ein Opfer auf der anderen Seite fordert.«
»Es gibt robuste Naturen, denen es möglich ist, die Konsequenzen ihrer einseitigen Handlungen zu tragen. Es steht mir fern, sie zu verurteilen, denn ich sehe ihren Standpunkt ebenso wie den der Schwachen.«