»Richtig,« sagt Irmgard bitter, die jedes Wort als einen Hieb auf Joachim Becker empfindet, »Sie dürfen ja nicht nur die Mittelmäßigkeit verteidigen, Sie haben sich die Aufgabe gestellt, zwischen allen Parteien zu stehen.«

Sie wird ungerecht, ja, ihre Worte sind fast beleidigend, aber sie spricht zu einem Mann, der auch ihre Ansicht verstehen muß. Was darf sie ihm nicht alles sagen! Wird er nicht letzten Endes jedes Wort ruhig hinnehmen müssen und verständnisvoll verzeihen? Die harten Worte kommen aus einem schwachen oder starken Gefühl; er aber steht über allen Schwankungen des Herzens und hat seinen Standpunkt in der Mitte.

»Ach, wie schwer muß es sein, diesem Vorsatz treu zu bleiben!« fügt sie seufzend hinzu, während sie aufsteht und sich verabschieden will.

Sie hat kein Erbarmen mit diesem einsamen Menschen, der gehetzt im Zimmer umherrennt und durchaus nicht den Eindruck hervorruft, als seien seine Empfindungen klar und geebnet.

»Bitte, bleiben Sie noch«, sagt er, ohne seine Wanderung zu unterbrechen. »Sie wollen mich kränken. Sie sind grausam, und ich weiß nicht, womit ich mir das verdiente. Haben Sie nicht darüber nachgedacht, daß das, was Sie die Mittelmäßigkeit nennen, nach schweren Kämpfen aus Stärke und Schwäche erwachsen kann? Wie viele Ursachen dürften dafür vorhanden sein! Es gibt Erlebnisse, die das Wesen eines Menschen von Grund auf verändern. Ich will nicht von mir sprechen, es liegt mir fern, Sie damit zu langweilen. Aber nehmen wir ein Beispiel an. Ich will es so wählen, daß auch Sie als Frau es verstehen können:

Ein Mann glaubt, sehr geliebt zu werden. Er selbst — nun lassen wir das. Er vertraut ihr und begibt sich auf eine weite Reise. Er fährt in fremde Erdteile, vielleicht, weil es sein Beruf erfordert oder weil es ihm Spaß macht. Jedenfalls bleibt er sehr lange fort, und er hat keinen Grund, seiner Frau zu mißtrauen. Er zweifelt niemals an ihrer Treue, darum trifft es ihn so unvermittelt, als sie ihm selbst gesteht, ihn betrogen zu haben. Sie hat keine äußere Ursache, es ihm zu sagen, ihr Gewissen treibt sie dazu, weil sie innerlich wieder zu ihm zurückgefunden hat. Der Mann gehört aber nicht zu den Neutralen, die auch die Schwächen der anderen verstehen. Nein, er sieht nur seine Seite, das an ihm begangene Unrecht, das getäuschte Vertrauen. Mit dem Recht des Starken verurteilt er, ja, er ist ohne Gnade, und die Frau geht ganz verzweifelt fort. Vielleicht wissen Sie, wie grausam ein Mensch sein kann, wenn er nur sein eigenes Herz schlagen fühlt und nicht auch das Herz des anderen. Aber dann kommt die Stunde, da sich plötzlich alles ins Gegenteil verkehrt.«

Der Kapitän bleibt stehen und blickt Irmgard Pohl mit verlorenen Blicken an. Nein, er sieht nicht das fremde junge Mädchen, das zu ihm gekommen ist, um ihm seine Geheimnisse zu entlocken, er arbeitet an seinem »Beispiel«. Und er geht wieder mit gespreiztem Gang im Zimmer umher, während er die Hände auf dem Rücken fest ineinanderlegt.

»Kaum ist sie fortgegangen, so daß er die Einsamkeit spürt, da sieht er auch die andere Seite. Er stellt sich wieder nicht in die Mitte, er springt zum anderen Extrem hinüber. Da beginnt er nun mit der Verteidigung der jungen Frau, die er selbst dem vielfältigen Leben schutzlos gegenübergestellt hat. Sie war jung und hat gefehlt, aber sie macht kein Hehl daraus, sie bekennt offen ihr Unrecht. Wie muß sie dem Manne vertraut haben, und welche Größe hat sie von ihm erwartet, da sie seiner Verzeihung so gewiß war. Er aber jagt sie davon. So sind die Menschen: wie man soeben den anderen verurteilt hat, so richtet man nun sich selbst. Wir finden keinen guten Weg dazwischen. Er will sie zurückholen, doch er weiß nicht, wo er sie suchen soll. Und er irrt eine ganze Nacht am Hafen, an den Fleeten, an jedem Wasser und auf allen Brücken umher und weiß sich keinen Rat. Am Morgen treibt ihn seine Verzweiflung in irgendeine Kirche, ihn, der keine Konfessionen kannte und kein Gebet, nur sein Vertrauen auf die eigene Kraft. Er bittet irgendeinen Gott, ihm zu helfen. Er legt ein Gelübde ab, eine Beichte, er faltet die Hände, er kniet, er will allen Religionen gerecht werden, um den wahren Gott zu finden, der ihm helfen kann. Aber wie er nach Hause kommt, hat die Frau das Leben weggeworfen, das sie neu beginnen wollte und das er ihr zerstört hat — —«

Der Kapitän bricht plötzlich ab, ohne seine Stimme zu senken, als wollte er etwas hinzufügen. Doch er schweigt. Er rückt ein Bild an der Wand zurecht, eine afrikanische Landschaft, die mit seiner Erzählung nichts zu schaffen hat. Man sieht, daß ihn selbst sein Beispiel nichts angeht, es berührt ihn nicht, er kann sich sogar wieder mit einer afrikanischen Landschaft beschäftigen, er ist ja der Mann in der Mitte. Nur, daß er die Schlußfolgerung aus seiner Erzählung nicht mehr gezogen hat, war ihm dabei entgangen.

Aber das ist nicht nötig. Seine Zuhörerin hat ihn auch so verstanden. Sie erhebt sich und sagt: »Ja, da will ich jetzt gehen. Verzeihen Sie mir.«