»Ach, wollen Sie gehen?« fragt er lächelnd. »Nein, ich habe nichts zu verzeihen. Empfehlen Sie mich, bitte, Ihrem Herrn Vater, und wenn es recht ist, so will ich ihm demnächst meine Aufwartung machen.«

Er begleitet sie bis zur Haustür und dankt ihr für den Besuch.

Irmgard Pohl geht langsam zum Hafentor. Wieviel stürmt auf einen jungen Menschen ein, der mit seinem eigenen Leben nicht fertig wird! Soll man sich nun noch mit den fremden Schicksalen beschäftigen? Sie ist fast erdrückt unter der Last ihrer Gedanken und Gefühle.

Wie schön war es sonst, in solchen Stunden Schwester Emmi zu begegnen, die plaudert und mit ihrem erheiternden Lachen alle schweren Gedanken davonjagt. Eine leichte und sonnige Natur ist viel wert, aber nun kommt Schwester Emmi kurz vor der Föhrbrücke Irmgard Pohl entgegen, und ihr Gesicht scheint grau und alt.

»Haben Sie mich gesucht?« fragt sie, während sie bei der Anstrengung zu einem Lächeln den rechten Mundwinkel herabzieht.

»Ja«, sagt Irmgard, obgleich es nicht ganz den Tatsachen entspricht. »Wo sind Sie gewesen? Sie sehen elend aus. Warum bleiben Sie nicht zu Hause?«

»Ach, ich mußte einen wichtigen Besuch machen. Bei einem Herrn Stein war ich, dem Mann einer früheren Patientin. Aber er hatte heute keine Zeit für mich, er war eben von der Reise gekommen. Das hätte ich mir denken können, nicht wahr? Ich weiß nicht, wo ich heute meine Überlegung habe, ich mache alles verkehrt.«

Irmgard sieht ihr prüfend in die starren Augen. ›Warum erzählt sie mir das alles mit diesem unheimlichen Gesicht?‹ denkt sie. Nun forscht sie weiter, um Schwester Emmi Gelegenheit zu geben, sich auszusprechen und aus ihrer Erstarrung herauszufinden.

»Was wollten Sie von diesem Herrn Stein? Mußten Sie ihn noch heute sprechen?«

»Ja«, antwortet die Schwester. »Es mußte sofort sein, obgleich es schon zu spät ist. Aber vielleicht kann ich ihn doch noch retten.«