Es ist nicht wegzuleugnen, daß ihr Leben nun eine ganz andere Richtung nehmen muß. Sie hat ihr Krankenlager nach langen trüben Wochen zum erstenmal verlassen, als ein Mensch, der bald wieder mitzählen wird.
Die junge blonde Säuglingsschwester steckt ihren kleinen Wuschelkopf zur Tür herein und fragt hell und freundlich wie alle Tage:
»Nun, geht es uns gut? Das ist reizend!«
Dagegen gibt es keinen Widerspruch. Irmgard lächelt zaghaft; sie hat es fast verlernt. Ihre Züge sind scharf und spitz geworden, und erst jetzt, da sie lächelt und die leicht irisierenden Augen in die Tiefe des Zimmers richtet, ist wieder etwas von dem weichen Charme früherer Tage spürbar geworden.
»Sie haben mir die Haare so straff hinter die Ohren gestrichen, ich glaube, ich sehe scheußlich aus. Könnten Sie mir nicht endlich einen Spiegel geben?«
»Gott sei Dank, sie fängt an, eitel zu werden. Das ist ein herrliches Zeichen der Genesung«, ruft Schwester Emmi erfreut aus. »Aber mit dem Spiegel hat es noch Zeit. Ziehen wir diese Haare ein wenig hervor, so — ach, es ist ja eine reizende braune Welle. Gleich sieht unsere Patientin gesünder aus.«
Sie freut sich und hüpft vergnügt um die Kranke herum.
»Sie sind wirklich ein Labsal für verzweifelte Menschen«, sagt Irmgard herzlich.
»Ja, wenn man nur seinen Platz ausfüllt und seiner Pflicht nachkommt. Mehr hat noch kein Mensch von mir verlangt.« Sie zieht den Mund halb lächelnd, halb schmerzlich herab. Auch ihre Nase ist dabei ein wenig schief gezogen, und sie ist trotz den aufgebauschten gelbblonden Haaren gar nicht mehr quicklebendig, sondern grau wie ein Regentag.
Aber da reckt sich die kleine schmale Person gleich wieder, sie hebt die Lackspitze ihres zierlichen Schuhs und sagt: »Damit bin ich nun unten gewesen. Sie gehen mir jetzt bestimmt aus dem Leim.« Und dabei lacht sie, als sei es ein Vergnügen, seine Schuhe zu verderben.