Herr Pohl rückt verlegen auf seinem Sofa.
»Es ist der Junge«, sagt er zögernd. »Wir haben den Arzt schon kommen lassen. Er hustet und hat leichtes Fieber.«
Irmgard starrt ihn fassungslos an. Hier sitzt sie in ihrem silbergrauen leichten Kleid, so reizvoll wie seit Jahren nicht, und wird mit dieser Nachricht empfangen.
Sie ist nicht traurig, sondern fast ärgerlich. Als habe man ihr rücksichtslos ein Vergnügen verdorben.
»Es wird irgendeine gewöhnliche Kinderkrankheit sein«, meint Herr Pohl beruhigend.
»Dann werde ich mich umziehen und die Mutter ablösen«, sagt sie still.
»Nein.« Er hält sie auf ihrem Stuhl zurück. »Ich wollte ohnehin in diesen Tagen mit dir über die Mutter reden. Sie wird jetzt niemand zum Knaben lassen. Du kennst ihren Eifer.«
Er schweigt und holt dann sehr weit aus: »Wie du weißt, stammt ihr Vater aus einer Hugenottenfamilie, und dieser Fanatismus mag ihnen von den Ahnen her im Blute liegen. Wir können nicht dagegen ankämpfen. Denn durch Widerstand unterstützen wir ihren Wahn. Nun scheint sich in letzter Zeit ihr Erinnerungsvermögen viel mehr gestärkt zu haben, als wir ahnen. Ich habe zuweilen das Gefühl, daß sie der Wahrheit schon sehr nahe ist, aber absichtlich nicht mehr fragt, weil sie sich fürchtet.«
Irmgard, die immer eine so aufmerksame Zuhörerin war, schweift mit ihren Gedanken ab und vermag der Rede des Vaters nicht mit Interesse zu folgen. Die vielfältigen Klänge des Orchesters, sanfte Tonfolgen, Beethovensche Akkorde mit ihren dunklen Untertönen liegen ihr in den Ohren. Sie hat Mühe, auf ihrem Stuhl sitzenzubleiben. Es drängt sie, einherzugehen, leicht, mit schwebendem Rhythmus im Gang.
Sie versteht nicht, warum der Vater gerade heute mit ihr darüber sprechen muß. Merkt er nicht, daß sie in die »Welt« zurückgekehrt ist, daß sie endlich, endlich mit der Vergangenheit abschließen will? Großer Gott, daß sie einmal von Krankheit, Wahn und Kindersorge nichts hören möchte?