Sie blickt, ein wenig verträumt und gleichzeitig trotzig, in eine Ecke des Zimmers, am Vater vorbei und sagt, mit einer fremden kühlen Stimme: »Was soll ich denn tun? Ich kann ja verreisen, wenn du willst. Ja —«
Sie springt auf und geht nun doch im Zimmer umher.
»Reisen! Ich werde mir die Welt ansehen. Du sagtest neulich, der Mensch muß seine alte Umgebung verlassen, um neu anfangen zu können. Gut, ich will mir die Welt ansehen!«
Sie hat die Arme auf dem Rücken ineinandergelegt und bleibt plötzlich vor dem Vater stehen, während der weite silbrige Rock noch um ihre schmalen Beine schwebt.
»Komm einmal hierher!« sagt Herr Pohl in gutmütig befehlendem Ton und macht ihr den Sofaplatz an seiner Seite frei. Etwas an seiner Tochter gefällt ihm nicht. Es ist ein Zuviel in den Bewegungen, eine Übertreibung im Ton.
Er legt die Hand um ihre abfallenden Hüften und zuckt unwillkürlich vor der weichen Seide zusammen, die seine Fingerspitzen so unendlich lange nicht berührten. Wieviel Härte und Strenge, wieviel Entsagung ist doch immer in seinem Hause gewesen, wo nur die Arbeit regiert. Er zieht die Finger wieder fort und rückt ein wenig ab.
»Ja,« sagt er langsam, »du bist jetzt zweiundzwanzig Jahre alt, und das ganze Leben liegt noch vor dir. Wir beide, deine Mutter und ich, sind nun so weit —« Er stockt.
»Nein, nicht erst jetzt«, setzt er mit leichter Bitterkeit fort. »Wir waren immer so, daß wir nicht uns selbst, sondern den Pflichten lebten. Man kann auch darin zu Egoisten werden. Man bildet sich ein, für die anderen, für die Kinder etwa, zu leben, und hat sich rücksichtslos an die Arbeit gehalten, um den Mangel an Lebensfreude nicht einzugestehen. Siehst du, darin haben wir an dir gesündigt.«
»Das darfst du von dir nicht sagen, denn du bist immer gut gewesen. Und mit dir konnte man auch manchmal lustig sein.«
»Manchmal!« wiederholt er. In seinem großen braunen Gesicht mit den grauen, aufschimmernden Haaren, ist irgend etwas schief gezogen. Er versucht krampfhaft, es fortzulächeln. »Was ich dir bisher in diesem Arbeitshof geboten habe, war nicht die Freude.«