»Vater, fast ein Jahr lang bin ich sehr glücklich und jung gewesen. Und wenn es dann anders kam, so war ich daran schuld.«

»Nein,« erwidert er, »jetzt weiß ich, daß wir schuld sind. Mußtest du in jener Zeit nicht von zwanzig Jahren ohne Zärtlichkeit und Lebensfreude erlöst werden und alles einholen, was in dir ungehoben blieb? Wenn wir ein klares Glas aus kalter Luft in die Wärme tragen, so wird es blind. Aber bleibt es nicht blank, wenn es das Klima nicht wechselt? Die Kinder, die Wärme und Heiterkeit in reichem Maße bei den Eltern haben, werden selten in Gefühlsüberschwang geraten, der die Grenzen verliert.«

Irmgard lehnt den Kopf gegen das Polster und läßt ungehindert aus den weitgeöffneten, lächelnden Augen Tränen tropfen.

»Und nun sehe ich mit an, wie du dich um den Knaben quälst. Du wärst vielleicht so weit, ihn der Mutter allein zu überlassen, weil er ihr einziger Lebensinhalt ist und du jung und gesund genug wärst, um noch auf ein eigenes Leben zu hoffen. Erst wenn man von sich selbst nichts mehr erwartet, versenkt man sich vollkommen in seine Kinder. Aber da ist dir von uns dieses Pflichtbewußtsein eingeimpft. Du glaubst, die Achtung vor dir verlieren zu müssen, wenn du dich mit deinen Muttergefühlen von ihm befreist.«

Er spricht das alles vor sich hin, während sie still neben ihm sitzt. Jetzt wendet er sich um und blickt offen in ihr tränenüberströmtes heißes Gesicht.

»Glaubst du,« fragt sie, während sie die Augen langsam schließt, »daß es nicht unnatürlich wäre, wenn ich, wenn ich —«

»Wenn du lebensfreudig genug wärst, um mit der Vergangenheit abzuschließen?«

Er versucht, zu lächeln und in leicht scherzendem Ton zu sprechen. »Du gibst uns das — das Produkt unserer falschen Erziehung als Tribut zurück und beginnst, dein junges Leben neu und richtig aufzubauen. Jetzt wissen wir wohl, wie wir es machen müssen?«

»Ja«, sagt sie leise. »Alle Sorgen werden heute von mir fortgenommen.«

Sie denkt an den Kapitän, an die bewundernden Blicke der fremden Menschen, an die Musik, die von ferne wieder aufklingt, an ihre eigenen leichten wiegenden Schritte.