Frau Pohl, die während der ganzen Nacht in ihrer Angst nicht schlafen konnte, hat sich nun hinlegen müssen und der Tochter die Pflege des Kindes nicht ohne Sorge überlassen.
Irmgard nimmt bei jedem Anfall den kleinen zuckenden Körper in ihre Arme, und die Tränen schießen ihr in die Augen, wenn sie diese Qual miterlebt.
Seine hellblonden geringelten Haare kleben naß auf dem Kopf, das Gesicht ist rot und verquollen. Er hat nun das Alter erreicht, in dem jedes Kind Freude bereitet. Fest und drollig trippelte er auf seinen stämmigen Beinchen umher, seine Stimme war hell, die Aussprache eigenwillig und ein steter Anlaß zu Belustigungen.
Noch nie ist so viel in der Familie Pohl gelacht worden wie in den letzten Monaten, während sich sein Sprachtalent entwickelte.
Irmgard glaubt, daß sie diesen reizenden, munteren Burschen keineswegs weniger lieben würde, wenn er ihr Bruder oder gar ein fremdes Kind wäre. Daß er von offener und heiterer Art ist, kann ihm in diesem Alter schon nachgesagt werden. Wer sollte wohl solch einen Knaben, der außerdem schön und anschmiegsam ist, nicht in sein Herz schließen?
Man kann nicht übersehen, daß er nach Michael Pohl geraten ist. Nun, da sein Kopf durch das Fieber breiter scheint und die Augen tiefer in die Höhlen gesunken sind, tritt die Ähnlichkeit noch markanter hervor. Irmgard denkt, wenn es wahr sei, daß die Gefühle der Mutter Einfluß auf die Entwicklung der Kinder gewönnen, so wäre hier ein Beweis dafür, denn sie hatte in jener Zeit fast mehr um den Vater als um Joachim Becker gelitten.
Nur der schmale Mund, die Unduldsamkeit und der herrische Ton in der hellen, lauten Stimme mochten von ihm herrühren. Noch lieben sie alle diese Eigenschaften an ihm und freuen sich ihres kleinen Tyrannen.
Jetzt aber liegt er still in den Kissen, sein Atem geht pfeifend und hastig, und wenn er hochgehoben wird, so schlingt er seine Arme fest um Irmgards Hals und preßt das zerquälte heiße Gesicht gegen ihre Wange.
Irmgard ist zu gesund und vernünftig, um auf den Gedanken zu kommen, daß der Knabe nun so leiden müsse, weil sie gestern im Begriff war, ihn aufzugeben, oder weil es sie im letzten Jahr immer weniger schmerzte, wenn die Mutter ihn allein für sich in Anspruch nahm.
Doch sie hat keine Sehnsucht mehr nach der »Welt«, sie nimmt es als eine Mahnung hin, daß trotz allem in diesem Hause der Pflichterfüllung ihr Platz sei. Sie weiß wieder, daß sie im Grunde eine ernste und arbeitsame Natur ist, die nur zuweilen feiertäglich beschwingt und gelöst sein will. In der Erinnerung an diesen Abend der Klänge und der Heiterkeit erkennt sie gleichzeitig, daß sie solcher Stunden auch bedarf, um nicht wie die Mutter über ihrem Tagewerk zu erkalten.