Den Körper gestrafft, jedes Gefühl, jeden Gedanken ausgeschaltet, alle Kräfte im wartenden Blick, im Lauschen des Ohrs gesammelt, so verharrt sie ohne Gefühl für Zeit und Raum.
Sie nimmt wahr, wie die Atemzüge allmählich reiner und gemäßigter werden, wie der Körper sich beruhigt, wie die fiebernde Röte schwindet.
Unvermittelt entsinnt sie sich der Uhr. Überschreitet der Zeiger nun die Zahl, ohne daß die Stille von jenem grauenhaften Bellen und Stöhnen des Kindes gestört wird?
Sie wendet ihr Gesicht zum Zifferblatt. Es verschwimmt, grau, mit einem tanzenden Zahlenkreis, vor ihrem Blick. Sie hebt die Hände über die Augen und starrt fassungslos auf die Uhr. Zwei Stunden sind vergangen, zwei Stunden war ihr eigenes Dasein ausgeschaltet, zwei Stunden bereits beginnt der Knabe zu genesen.
Sie preßt die Zähne gegen ihren Handrücken, um nicht vor Freude zu schreien. Sie weint lautlos, mit krampfhaft unterdrücktem Schluchzen, während sie in der Mitte des Zimmers steht, hager, abgezehrt, mit ihrem glühenden, eingefallenen Gesicht.
Dann setzt sie sich auf den Stuhl neben das Kinderbett und schläft augenblicklich ein, die Hände im Schoß, den Kopf zur Seite geneigt, die rissigen Lippen leicht geöffnet. —
Im Morgengrauen erwacht Michael Pohl. Die Kleider kleben an seinem Körper. Die Glieder sind schwer, ohne Gefühl.
Ein schwaches, leise stöhnendes Husten läßt ihn erschreckt hochfahren. Mit stechendem Schmerz fühlt er das Blut von der raschen Bewegung in den Schläfen aufwallen und verebben.
Er geht zum Kinderbett hinüber. Auch Frau Pohl ist von dem Geräusch schreckhaft erwacht. Sie beugt sich über den Knaben und hebt das Gesicht zu ihrem Mann wieder auf.
»Er hat im Schlaf gehustet«, flüstert sie, mit einem weichen Lächeln im ausgeruhten Gesicht.