»Sehen Sie,« sagt Irmgard wieder, »ich habe mir damals, nachdem ich den ersten Schmerz über diese große Demütigung und Untreue überwunden hatte, immer wieder vorgehalten, daß ich keinen Haß in mir aufkommen lassen darf. Denn wie soll ich einmal sein Kind lieben, wenn ich ihn selbst nur hassen kann? Es bleibt doch ein Teil von ihm, so sehr man sich auch einzureden sucht, daß es nur von der eigenen Artung ist. Man möchte feige sein und seinen Namen für immer aus dem Gedächtnis streichen, aber wie können wir Joachim Becker jemals vergessen, der uns so viel gegeben und so viel genommen hat? Und nun baut er uns seine großen Projekte, für die wir uns damals so sehr interessiert haben, direkt vor den Augen auf, und es ist nichts wegzuleugnen. Können Sie das verstehen?«

»Ja, das kann ich verstehen: daß es schwer ist, und daß Sie sehr mutig sind.«

»Es ist nur der Selbsterhaltungstrieb. Vielleicht gehöre ich zu den Frauen, die sich nur einmal ganz erschließen können, denn sonst hätte ich das wohl nicht getan. Oder glauben Sie, daß ich leichtfertig oder im wahren Sinne unmoralisch bin, weil ich ihm in meiner Liebe nichts versagen konnte?«

»Nein, beileibe nicht. Wie die Menschen auch darüber denken mögen, wer Sie kennt —«

»Ja, wissen Sie, ich habe schon manchmal gedacht, daß es gut sei, wie es sich letzten Endes zugetragen hat. Denn nun habe ich doch ein klein wenig Anteil an ihm, den ich nur noch in seinem Kinde lieben werde. Darin will ich die Kraft finden, um ihn selbst ganz aus meinem Herzen auszustreichen.«

»Wenn Sie das können! Ich würde ihn, offengestanden, grenzenlos hassen und mich an ihm rächen — bei der ersten Gelegenheit.« Sie sagt es triumphierend, herausfordernd, denn sie ist stolz auf ihr lebhaftes Temperament.

»Und nun müssen Sie mir noch berichten, wie es der Mutter geht«, sagt Irmgard ablenkend, denn sie erkennt wieder, daß sie von ihren Mitschwestern nur verstanden wird, wenn sie selbst schwach und beirrbar ist. »Sie haben mir noch gar nicht erzählt, wie es oben aussieht.«

»Oben« ist das Zimmer von Frau Pohl, die seit fünf Jahren gelähmt und mit verwirrtem Geist ein verdämmerndes Dasein führt. Von der späten Geburt des lange ersehnten Stammhalters geschwächt, hatte sie der nach wenigen Wochen erfolgte Tod des Knaben so getroffen, daß sie nicht wieder aufstehen konnte. In ihrem Geiste aber hat sie den Knaben zu neuem Leben geweckt. Wenn sie in ihrer Einsamkeit zu dem Kinde spricht, scheint sie mit ihrem Schicksal zufrieden und der Gegenwart in einer anderen Weise nahegerückt.

»Haben Sie ihr gesagt, daß ich krank sei? Und wie hat sie es aufgenommen?«

»Zuerst wollte sie an Ihre Krankheit nicht glauben. Sie wurde sehr böse und meinte: die Arbeit ist ihr zuviel geworden, auf der Stelle soll sie herkommen und mir Antwort stehen.«