Aber gegen sieben Uhr morgens kommen noch nicht viele Menschen an ihm vorbei. Im Getreidespeicher rattern zwar schon wieder die Maschinen, und das Getreide beginnt seine unermüdliche Wanderung durch die Stockwerke. Es darf nicht zur Ruhe kommen, damit es nicht feucht oder muffig werde, und es bläst unterwegs seinen Staub in die Luft, daß Bodenmeister Ulrich und seine Helfer wie graue Figuren durch die Morgendämmerung wandern.

Das Verwaltungsgebäude ist von den Gerüsten entkleidet. In den Seitenflügeln flammen die ersten Lichter auf, im Mittelteil jedoch, dem stolzen Turmbau, warten die grauen Räume auf die Tätigkeit der Maler.

Das war eine andere Zeit, als die Arbeiter in Scharen herbeiströmten, auf die Gerüste kletterten und hinter Erdwällen verschwanden. Wie viele Gebäude mußten fertiggestellt werden, und nun stehen sie alle da! Mit verschneiten Dächern und vereinzelten Lichtern in den Fenstern.

Aber die Hafenbecken — wo ist ihr Wasserspiegel? Er wird fast dicht bedeckt von den großen Kähnen, die hier ihr Winterlager aufgeschlagen haben, und darüber brauen die Nebel. Nur ein Becken ist wie ein langer und breiter leerer Schlund: der Südhafen, aus dem man die harte Füllung mit Dynamit sprengen mußte. Er hat noch keine Gebäude an den Seiten, und auf dem Nachbargelände stehen ein paar verschneite halb verfallene Holzschuppen. Ein Grundstücksmakler hat sein Schild danebengesetzt.

Wenn die Hafengesellschaft ihre Tätigkeit am Südbecken einstellte, so hatte das andere Gründe als die Arbeitsruhe der Verhüttungsgesellschaft, die eines Tages Konkurs anmeldete und die Erze im Schoße der Mutter Erde ließ. Man kann einem großen Projekt zustimmen, doch man darf sich Zeit mit der Ausführung lassen. Zwei Hafenbecken sind im Anfang genug, und wenn das Konsortium seine Gelder zurückhält, so ist damit nicht gesagt, daß sie etwa knapp geworden wären. Aber sie verkünden dem Generaldirektor: Nun mußt du dir das dritte Hafenbecken erst verdienen!

Das ist nicht leicht, zumal in den Wintermonaten, wenn die Schiffahrt ruht. Als der ehemalige Kantinenwirt an diesem dunklen Morgen aus der Tür der Hafenwirtschaft kommt, denkt er, daß hier immer noch Leben genug sei. Da fahren die großen Lastwagen schon die während eines langen Sommers aufgespeicherten Waren in die Stadt, die Lokomotiven schnauben und kreischen auf den vereisten Schienen und bringen neues Lagergut. Ja, diese treuen Eisenbahnstränge, sie sind doch etwas wert, sie tragen ihre Lasten das ganze Jahr und verlangen keinen Winterurlaub wie die anspruchsvollen Wasserstraßen.

Der Bäckermeister schleicht mit scheuen Blicken neben den Wagen aus dem Tor; es ist ihm angenehm, daß er dabei vom Wächter übersehen wird. Er gehörte einst mit gutem Recht hierher, und in der Hafenwirtschaft ist immer noch seine Ehefrau; über eine Scheidung wollten sie zwar sprechen, aber nun haben sie es beide vergessen. Wenn er trotzdem mit schlechtem Gewissen seinen Weg zur Mühle fortsetzt, so sind seine Privatgefühle daran schuld.

Er geht in sein Zimmer, das Michael Pohl ihm im Kontoranbau neben der Mühle zur Verfügung gestellt hat und wartet auf das Frühstück. Es wird ihm aus dem Wohnhaus gebracht. Man sorgt für ihn und nimmt sich seiner an, er jedoch kommt nicht mit einer guten Nachricht schnurstracks zum Müller, sondern läuft erst einmal einem Weiberrock nach.

Ein schlechter Patron bist du, sagt er vor sich hin, ein Schwächling, ein Weiberknecht. Er kann nichts damit ungeschehen machen.

Um acht Uhr geht er ins Kontor hinunter, um sich beim Mühlenbesitzer zu melden. Er läuft ihm nicht mit »Halloh« und »Gute Botschaft« entgegen. Er meldet das Resultat der Abstimmung und hält seine Mütze in der Hand.