Bis zum Abend hat Joachim Becker, der nicht eher ruht, bis er eine Sache zu Ende durchgeführt hat, verschiedene Versuche unternommen. Er langt erschöpft und entmutigt zu Hause an und muß sich noch einem Gast widmen: Direktor Haarland, dem Amateurboxer und jüngsten Aufsichtsratsmitglied der Hafengesellschaft.

Die zarte junge Frau Haarlands, die den größten Teil des Jahres in Davos leben muß, hat sich an Frau Adelheid angeschlossen. Dann setzen sich die beiden Männer in das Rauchzimmer und plaudern.

»Und wissen Sie, was man mir geantwortet hat?« sagt Joachim Becker zu Direktor Haarland, der sich in seinem Sessel wie auf einem Liegestuhl ausstreckt. »Als wäre das so ganz in der Ordnung, meinten sie: ›Selbstverständlich zahlen viele über Tarif. Das steht jedem frei, aber wir wollen niemand dazu zwingen. Für die Allgemeinheit muß der alte Tarif erhalten bleiben.‹ Sie gebrauchten sogar noch das Wort Allgemeinheit!«

Direktor Haarland lacht. »Haben Sie sich schon mal zur Allgemeinheit gezählt? Sehen Sie, das macht nämlich keiner. Für uns ist das bloß ein Wort. Im übrigen ist jeder ein ›Ich‹, eine Besonderheit, auf die er so recht stolz sein muß.«

»Natürlich will man die Individualität nicht ausgeschaltet wissen, aber der Zusammenhalt, die Geschlossenheit!« ruft Joachim Becker aus.

»Da muß ich Sie wieder was fragen: wenn einer Konkurs anmeldet, haben wir dann schon mal gesagt: Donnerwetter, eine betrübliche Lücke in unserer Phalanx, wieder einer weniger? Nee, wir sagen: Gott sei Dank, ein Konkurrent weg. Und wenn's nach uns ginge, so könnten 99 Prozent fallieren, dann bleibt eben die Chose für einen ganz allein. Wissen Sie, ich kann das nur wieder mit meinem Boxsport vergleichen: man will dem Gegner nicht nur eine kleine Blessur beibringen wie etwa mit dem Florett, um seine Kunst zu zeigen, nein, man möchte ihn am liebsten für alle Zeiten kaputtschlagen. Dann ist man ihn los, den Kerl, und kann sich feiern lassen. Darin liegt nämlich der Witz: wir betreiben eine Sache nicht der Sache wegen, sondern um eines Endzwecks willen. Und der ist immer nur: Geld, Ruhm und alles, was sich damit kaufen läßt. Wir haben den Genuß am tätigen Leben verloren.«

»Den Genuß am tätigen Leben —«, wiederholt Joachim Becker langsam. »Ja, das klingt geradezu paradox.« — — —

Nun hat der Hafen also auch seinen Streik.

Eine Explosionskatastrophe, der Konkurs eines Mitläufers, vorübergehende Arbeitseinstellung, ein Streik — das sind Beigaben, die wie Kinderkrankheiten hingenommen werden müssen. Man kann sie in vielfacher Weise erleben, sie schmieden das Werk wie die Schicksalsschläge den Menschen: der eine wird mutlos, der andere hart, der dritte aber trägt alles als einen Gewinn fort.

Und wenn das Leben ihm so recht nach Herzenslust mitgespielt hat und wir begegnen ihm, so sagen wir: Siehe, ein Mensch!