›Das allerschlimmste ist,‹ denkt er, ›daß man nicht weiß, wie man seine Zeit totschlagen soll.‹ Karle Töndern erlebt seinen ersten Streik. Er ist seit zehn Jahren in der Stadt und hat immer seine Tätigkeit gehabt. Manchmal dachte er, du möchtest doch auch einmal die Straßen am Vormittag sehen; besonders im Winter, wenn er in der Dunkelheit zur Arbeitsstelle ging und wiederum im Dunkel nach Hause kam. Da konnte man sich die ganze Woche Frau und Kinder nicht im Tageslicht begucken.
Aufrührerische Ideen hatte Karle Töndern noch nie gehabt, aber zuweilen meinte er doch: einen Werktag möchtest du mal für dich haben und dir die Welt zu jeder Stunde betrachten, besonders zwischen sieben und vier. Nun hat er diesen Tag.
Er könnte sich zum Beispiel auf jene Bank setzen, die zwischen ein paar grünen Bäumen aufgestellt ist und den Großstädter zur Ruhe auffordert. Da dürfte er die Natur genießen und vielleicht auch den spielenden Kindern zuschauen. Aber was sieht er? Seine Frau, die daheim an den Kochtöpfen hantiert und nicht wagt, ein Stück Fleisch hineinzulegen.
Sie glaubten gerade, eine schleppende Last, die durch Krankheiten der Kinder entstanden war, bald abschütteln zu können, da bringt der Streik neue Sorgen. Das zieht sich dann von Woche zu Woche hin, und wenn du denkst: ›den nächsten Lohn kannst du endlich einmal glatt einteilen, damit du für jeden Tag etwas hast,‹ da ist plötzlich der Winter eingezogen, und du brauchst Kohlen und warmes Zeug für die Kinder.
Nein, auf dieser Bank ist doch kein schönes Verweilen. Da geht Karle Töndern lieber zum Verbandslokal und hört, was die anderen sagen. Man kann sie schon von weitem sehen, denn sie stehen auf der Straße umher, reden über dieses und jenes und warten.
Von der Streiklage hat noch niemand Näheres gehört. Aber hier ist einer, der könnte heute seinen 25. Streik feiern.
»Da kannst du mit mir noch gar nicht mit«, sagt ein anderer, und er lacht, ohne das Gesicht zu verziehen.
Karle Töndern guckt einigen verstohlen auf die Beine und denkt: solche geflickten Hosen hast du in deinem ganzen Leben noch nicht gehabt. Und dann unterhält er sich mit mehreren, die auch ihren ersten Streik erleben.
Viele tragen dünne Rucksäcke auf dem Rücken, darin haben sie ihren Proviant für den ganzen Tag. Wenn jetzt die Parole erteilt wird »Arbeit aufnehmen«, dann können sie gleich hingehen, und für ihr Essen ist gesorgt.
Manche haben sich schon etwas »Mut« geholt. Ihre Augen schwimmen, und sie sagen auch mal was Lustiges, worüber keiner lacht.