Das sind peinliche Gedankengänge, denen man sich lieber entzieht, wenn man kein reines Gewissen hat. Der Generaldirektor rennt wieder in die Tiefe des Zimmers. »Verfluchte Warterei«, murmelt er zwischen den Zähnen, während er mit langen Schritten über den Teppich eilt, die Hände fest in die Taschen gebohrt.
Dann steht er wieder am Fenster und sieht doch noch Irmgard Pohl nach, ehe sie seinem Blickfeld entschwindet.
Sie geht mit kleinen Schritten, die Arme eng an den Körper gepreßt, als fühle sie sich beobachtet und wisse nicht, wie sie sich bewegen soll.
Er stellt möglichst sachlich fest, daß sie in allem noch so wie damals ist, in der Erscheinung wie im ruhigen Ausdruck des klaren Gesichts, das er vorhin, für einen Augenblick, wie etwas Verlorenes in sich aufnahm.
Man sieht ihr nicht an, was sie hinter sich hat, denkt er, zum Teil seines Gewissens wegen beruhigt und gleichzeitig enttäuscht darüber, so leicht vergessen zu sein. Ja, sie scheint besser daran als er. Sie hat ihn überwunden, wenn sie auch noch bei seinem Anblick errötet.
War sie nicht damals schon von dieser ausgeglichenen fraulich-gütigen Harmonie? Und blickten ihre klugen ernsten Augen nicht von jeher — in diesen jungen Jahren bereits — ruhig und milde, obgleich sie gleichzeitig mädchenhaft ausgelassen sein konnte und ihn sogar zu kindischen Spielen anregte? Sie stand daneben und lächelte, sie hatte ihren Spaß daran, ihn zu einem Popanz zu verwandeln, zu »ihrem großen Jungen«, wie sie mit mütterlicher Überlegenheit sagte.
Aber er hatte dieser Jugendeselei ein Ende gemacht. Er durfte bei seinen großen Plänen keine Zeit mehr zu albernen Spielen haben. Eine ernste und vernünftige Ehe entsprach eher seiner Position. Besitzt er nicht eine gute Frau und eine hübsche kleine Tochter mit großen braunen Augen, die jeder bewundert, weil sie so »reizend melancholisch« sind? Nein, er hat wahrlich keine Ursache, unzufrieden zu sein.
Die Zeit renkt auch alles weise zurecht. Der unangenehme Prozeß ist beendigt, nun geht sein Prozeßgegner sogar im einstmals feindlichen Hafen spazieren. Und es sieht ganz danach aus, als wolle der zweite Hafendirektor, der Kapitän, die Tochter des Gegners heiraten und für alle Zeiten rehabilitieren. Obgleich sie diese Ehrenrettung nicht einmal nötig hätte, da ihr kluger Vater durch eine freundliche Vertuschung das Ansehen der Familie längst wieder aufgerichtet hat.
Teufel nochmal, das hätte er diesem geraden Manne nicht einmal zugetraut! Aber man sieht: andere Leute unternehmen auch Winkelzüge im Interesse ihrer Reputation.
Ja, er ist über die Vorgänge im Hause des Mühlenbesitzers unterrichtet. Länger als ein Jahr. Seit er die gräßliche Ungewißheit nicht mehr ertrug. Er mußte doch mindestens erfahren, ob sein Sohn noch am Leben war oder nicht. Wozu gab es Auskunfteien, Leute, die dazu da sind, Erkundigungen einzuziehen, damit man sich nicht durch unpassende Fragen seine Autorität verscherzt?