Er bekommt seine laufenden Informationen und weiß nun, daß der Mühlenbesitzer nicht einen Enkel, sondern einen Adoptivsohn besitzt. Die Tochter wird auf ein Jahr fortgeschickt, und hier geht sie nun in seinem Hafen spazieren. Schön und jung, mit einem ansehnlichen und geduldigen Bewerber zur Seite.
Der Kapitän wäre wohl der Mann, über den Schatten in der Vergangenheit einer Frau hinwegzusehen, dieser ewig Gerechte und Höfliche, den nichts aus dem Gleichgewicht bringen kann.
Nun bekommt sie also noch ihren Hafendirektor und einen guten Namen dazu. »v. Hollmann« hat einen anderen Klang! Was ist er, der Sohn des kleinen Beamten, dagegen! Was half es ihm, daß er sich in den Nächten das bißchen Bildung und Wissen einpaukte, um sich Geltung zu verschaffen? Er war doch erst etwas geworden, nachdem er die verliebte Tochter eines Getreidehändlers zur Frau bekam.
Und nimmt man ihn ernst? Lächelt man nicht im stillen über ihn und stellt hämisch fest, daß man mit dem Geld eines reichen Schwiegervaters ebensoviel erreichen könnte? Was nutzt ihm alle Arbeit, alle Energie? Wer erkennt seine wahren Leistungen an? Hat man darum so lange geschuftet, vom Morgen bis in die Nacht, ohne einzuhalten, ohne eine Freude, ohne Befriedigung, um jetzt hier das Fazit zu ziehen, daß alles vergebens war?
Er bleibt in der Mitte des Zimmers stehen, die Hände auf dem Rücken ineinandergelegt. Sein Mund ist hart, schmal und verkniffen, die senkrechte Falte zwischen den Augen wirkt wie eine Narbe.
Sein Blick fällt auf den Schreibtisch des Kapitäns. Hier hat er damals ihre Stimme gehört, diesen ruhigen, volltönigen Klang. Einen Augenblick denkt er an den Duft der Linden. Er läßt sich in einen Sessel fallen und schließt die Augen. Das leise Rauschen in den Wipfeln der alten Bäume hängt ihm wieder in den Ohren, da er sich dieser Stimme entsinnt. Es scheint ihm, als lägen die Erinnerungen ein Menschenalter und nicht knapp vier Jahre zurück.
Der Kapitän! Joachim Becker kennt keinen Menschen, der soviel allgemeine Achtung und Sympathie genießt wie dieser stille und bescheidene Hafendirektor.
Aus welchem Grunde sollte er wohl seit anderthalb Jahren in der Familie des Mühlenbesitzers verkehren und nun hier mit der Tochter spazierengehen?
Selbstverständlich wird er nicht im Hafen bleiben, denn er wäre nicht der Mensch, der seine junge Frau durch den gebotenen gesellschaftlichen Verkehr in schiefe Situationen bringt. Die großen Reedereien, die ihn als Vertrauensmann für den Hafen empfahlen, würden auch eine angemessene andere Verwendung für ihn haben.
Er kann seiner Frau etwas bieten! Er würde ihr die Welt zeigen und sie in seine angesehenen Kreise führen. Hatte er nicht die großen Passagierdampfer befehligt und auf die Weltmeere geführt, so daß weitgereiste Leute, die seinen Namen hören, respektvoll fragen: ›v. Hollmann, ist das nicht der Kapitän, der damals das und das Schiff fuhr?‹ Dieses Mannes entsinnt sich jeder gern.