Wer aber weiß Gutes von ihm zu sagen? Er besitzt keinen Freund, keinen Menschen, der das Recht dazu hätte, ihn zu verteidigen. Obgleich er stets nur das Beste wollte, seine Kräfte nicht vergeudete, immer nur an sein Werk dachte und niemals an sich selbst.
Er preßt die Fäuste gegen die Augen und sitzt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, lange im fremden Zimmer, ohne jede Haltung und Würde. Wie er sich wieder aufrichtet, ist sein Gesicht blaß und verstört, mit roten Flecken auf der Stirn vom schmerzhaft festen Druck seiner eigenen Hände.
Nun muß er aufstehen und sich zu seinem Wagen begeben. Er wird nach Hause fahren. Und alles ist noch so wie es war.
Scheu, mit schlechtem Gewissen hetzt er durch den Korridor und vom großen Haupteingang des Verwaltungsgebäudes zu seinem Wagen.
Er vermag an diesem Tage nicht mehr in das Bureau und zur Arbeit zurückzukehren. Er läßt sich in seine Wohnung fahren, um sich von dem einzigen Menschen, der immer gut und milde zu ihm war, von Frau Adelheid, aufrichten zu lassen.
Sie ist nicht allein. Ihr Bruder leistet ihr Gesellschaft. Wenn Schwester Emmi im Hafen nicht für ihn zu sprechen ist und es also keinen Zweck hat, an dieser Stätte emsiger Arbeit länger als nötig zu verweilen, hält er sich gern bei seiner Schwester auf, die mit ihren einsamen Abenden so wenig anzufangen weiß.
Sobald sie ihre Tochter zu Bett gebracht hat, überfällt sie ihre alte Melancholie, die sie ihrem stillen Kinde schon vererbt hat. Darum schließt sie sich gern den häufigen Theaterbesuchen ihrer Verwandten an oder weilt bei den Eltern, während ihr Mann bis in die späten Abendstunden über der Arbeit sitzt. Oft sehen sie einander tagelang nur in Gesellschaft Fremder und sind abgespannt und einsilbig, wenn sie heimkehren.
Man hat an diesem Abend beabsichtigt, ein Theater zu besuchen, eine sehenswerte Neueinstudierung, also eine Premiere gewissermaßen, die Felix Friemann sich nicht entgehen läßt. Seine Eltern folgen in diesem Punkte gern seiner Führung. Selbstverständlich trifft man auch Verwandte und Bekannte, und der Abend ist gut angewandt.
Joachim Becker hat Frau Adelheid nicht nur mit seiner frühen Heimkehr überrascht und beglückt; er erklärt sich auch bereit, sie zu begleiten.
Vom ungewohnten glänzenden und lauten Leben im Zuschauerraum verwirrt, sitzt er dann still in seiner Loge. Er fürchtet sich schon jetzt vor der Pause, vor den vielen geputzten Menschen, denen er begegnen wird und die mit höflichen und freundlichen Worten bedacht sein sollen.