›Das ist noch ein natürlicher Mensch,‹ denkt Joachim Becker, ›er hat sogar ein Herz.‹ Und sie verbringen zu dritt plaudernd die Pause, wobei jeder in einer anderen Art seine Rechnung findet.

Obgleich Joachim Becker sich nach Stille und Dunkelheit sehnt und Ablenkung von allen quälenden Gedanken wohl gebrauchen könnte, fürchtet er sich vor der Fortsetzung des Spiels.

Muß er denn an diesem Abend in seiner Unzufriedenheit so weit gehen, daß er in jeder verzerrten Gestalt sich selbst sieht? Er ist wahrhaftig am Ende mit seiner Nervenkraft und sehnt den nahen Sommer herbei. In diesem Jahre will er zum erstenmal wirklich ausspannen und mit seiner Frau helle Sommertage irgendwo in den Bergen oder an der See verleben, damit er wieder zu Kräften und Selbstbewußtsein gelangt.

Es ist, weiß Gott, lächerlich, hier Parallelen zu ziehen und sich mit diesem pathetischen Hjalmar Ekdal, diesem Photographen mit der Flatterkrawatte, zu vergleichen. Warum sollen gerade ihn die Vorgänge auf der Bühne etwas angehen, ihn so persönlich berühren, daß er der Selbstzerfleischung nahe ist?

Ein hirnverbrannter Gedanke, heute in dieser Verfassung hierherzugehen! Laufen denn nicht soundsoviel andere auch in Gottes weiter Welt umher, die einen Schatten, einen dunklen Punkt in ihrem Leben haben, an den man am besten nicht rührt?

Oh, er möchte wohl wissen, wie wenige es sind, die so einem Wahrheitsfanatiker wie Gregers Wehrle begegnen dürften, ohne mit der Wimper zu zucken oder gar ihr ganzes Lebensgebäude einstürzen zu sehen.

Und sieht man es nicht an diesem Beispiel, wie verkehrt es ist, ans Tageslicht zu ziehen, was lieber verborgen bliebe? Man hat Fehler begangen, man sieht sie ein und vermeidet sie in Zukunft. Man hat einmal nicht anständig gehandelt. Aber kann man das aus der Welt schaffen? Ist es nicht vernünftiger, Geschehenes zu vergessen, um ungestört weiter zu kommen?

Er hat mit seiner Frau niemals über seine Vergangenheit, über die Beziehungen zum Hause Pohl gesprochen. Vielleicht haben ähnliche Wahrheitsfanatiker wie dieser Narr auf der Bühne sie aufgeklärt, so daß sie unnützen Gedanken nachhängt und öfter traurig und verweint ist als notwendig wäre. Denn das muß er sich eingestehen: schlecht behandelt hat er sie in ihrer mehr als dreijährigen Ehe nie. Er ist sehr beschäftigt, wälzt imposante Pläne, und es paßt nicht zu seiner großen Stellung, zu seinem verantwortlichen Posten als Generaldirektor eines Werkes von Weltbedeutung, daß er sich wie ein Täuberich benimmt.

Da rühren sich wieder seine Gedanken von heute nachmittag: er durfte mit Irmgard Pohl nicht mehr jung und ausgelassen sein, weil es sich mit seinen großen Ideen nicht vereinbarte. Und nun meint er auch, daß er kein zärtlicher Ehemann sein darf, weil es zur strengen, energischen Haltung eines Generaldirektors, der sich Respekt und Autorität verschafft, nicht gehört. Ist es seine Pflicht, nur als Arbeitsmaschine zu funktionieren und sich niemals wie ein gewöhnlicher Mensch zu benehmen?

Immer haftete er an den festgelegten Gesten, die zu seinem Amte gehören. Zwischendurch probierte er es einmal mit der Shagpfeife und mit der nachlässigen Haltung des Engländers, der seine Hände in den Hosentaschen hält. Aber er ließ es wieder und fand Gefallen am smarten Amerikaner, der nicht zu verblüffen ist und mit kühler Jovialität seinen Leuten begegnet. Eine Weile versuchte er es, in dieser Weise zum Beispiel seinen Angestellten entgegenzukommen, um von ihnen nicht nur gefürchtet, sondern auch geliebt zu werden. Aber er hatte den Eindruck, daß man ihm den lässigeren Ton als Schwäche auslegen könnte. Und so kehrte er zu seiner alten Maske zurück: streng, energisch, militärisch korrekt. Um von vornherein jeden Widerspruch auszuschließen, um sich nicht kleinkriegen zu lassen. Ja, das ist es: er läuft mit einer Maske umher. Nur in den Stunden der Zerknirschung, der Schwäche, der Selbsterkenntnis fällt sie von ihm ab.