Hat er nicht doch Berechtigung, sich mit diesem Photographen zu vergleichen, der sich auch eine männliche und selbstgefällige Pose zurechtgelegt hat wie so manche, denen man im Leben begegnet? Der Kommerzienrat zum Beispiel mit seiner betont soignierten Haltung im Geschäftsleben, während er daheim in seiner Familie nicht mehr als ein gutmütiger alter Trottel ist?

Oh, wie grausam betrachtet er nun sich selbst. Gewiß, auch der Kommerzienrat hat seine Maske vor den Menschen, ebenso wie die vielen anderen, die der klugen Ansicht sind, daß man ohne sie im Lebenskampf nicht auskomme; daß man mißbraucht werde, wenn man der Allgemeinheit, den Konkurrenten, den Neidern, den lauernden Feinden den wahren Menschen zeige. Aber verwandeln sie sich nicht, ebenso wie der Kommerzienrat, zeitweise in ihr eigenes Wesen zurück?

Wann jedoch ist er ein Mensch ohne jede falsche Geste? Wann und wo zeigt er seine wahren, seine geheimsten Empfindungen, das Zarte, das auch in ihm sich regt, und seine Sehnsucht nach Wärme und Liebe?

So wie dieser Hjalmar Ekdal soeben seine Haltung zu verlieren im Begriff war, als man ihm sein Lügenhaus enthüllte, so hat er heute nachmittag ohne jede Würde im Zimmer des Kapitäns gesessen und klar, entsetzlich klar erkannt, daß sein Ansehen, seine Arbeit, sein ganzes Leben in den letzten drei Jahren sich auf eine Lüge stützt.

Und er ging nicht mit offenen Worten zu Frau Adelheid, um der Lüge ein Ende zu bereiten. Nein, wie dort auf der Bühne das Dokument wieder zusammengeklebt wird, das die Fortsetzung des alten Lebens erfordert, so war er zu seiner Frau zurückgegangen, als wäre nichts geschehen, als hätte nicht die wahre Erkenntnis ihm eben die Augen geöffnet.

Das Licht flammt auf. Joachim Becker sieht in Adelheids tränenüberströmtes Gesicht. Rasch zieht er sie fort, ehe sie noch von der Familie mit Gesprächen und Abschiedsworten aufgehalten werden können. Sie nehmen irgendeinen Wagen, der vor der Türe steht, und fahren nach Hause. Unterwegs trocknet er ihre Tränen und küßt die kalten blassen Hände. Wieviel hat er an ihr gutzumachen. Es ist keine Pose, keine Lüge, wenn er ihr nun die Hände küßt und sie herzlicher behandelt als sonst. Nein, er ist ihr so unendlich dankbar für ihre Güte und Geduld. Gehört es nicht als erstes zu seinem neuen Leben, daß er ihr die warme Regung seines aufgestörten Herzens verrät?

Nie war Frau Adelheid so schmerzhaft glücklich wie in dieser Stunde.

Sie sprechen kein Wort, und erst zu Haus fragt Adelheid schüchtern-zart:

»Darf ich dich zu einer Tasse Tee in meinem Zimmer einladen?«

»Ja«, sagt er mit weicher Stimme, während er ihren treuen Augen dankbar begegnet.