»Ach —,« sagt sie sehr wichtig, »ich habe ja etwas ganz Reizendes für dich. Das will ich dir sofort bringen —«
Die Kleine blickt ihr voll stummer Erwartung nach. Schwester Emmi kann einen gar zu verheißungsvollen Ton anschlagen.
»Wohin, Schwester eins?« fragt Dr. Friemann, während er hinter ihr herrennt. Er hat sich so daran gewöhnt, Schwester Emmi nachzulaufen, daß er nun sogar das Kind im Stich läßt, um zu erfahren, wohin sie geht.
Das kleine Geschöpf trippelt, sich selbst überlassen, wie ein verirrter Vogel umher und merkt nicht, was über ihm geschieht. Es sieht drüben an der Kaimauer etwas Helles aufblitzen und eilt hin, es sich zu holen. Die Sonne hat sich in ein paar Wasserpfützen gespiegelt, aber nun sind ihre Strahlen verdeckt, denn der große Arm des Drehkrans ist stehengeblieben und läßt langsam seine mächtige breite Ladung sinken. Vielleicht glaubt die Kleine, daß eine große Wolke über den Himmel ziehe. Sie setzt sich auf den sonnengewärmten Steinen des breiten Kais nieder und hält nach geeigneten Spielen Umschau. Doch es wird immer dunkler über ihr, und plötzlich, als ahne sie die Gefahr, beginnt sie leise zu weinen.
Ein Arbeiter schreit mit rauher Stimme auf. Er stolpert über einen Kameraden und reckt beide Arme, um das Kind zu packen, die breite schwere Ladung anzuhalten oder was er sonst in seinem Wahnsinn zu tun gedenkt. Da hören auch die anderen einen kläglichen verlorenen Kinderschrei, und die Last hat sich herabgesenkt.
Heisere Kehlen rufen zu dem Manne im Portal hinauf, die Ketten beginnen wieder zu arbeiten; Felix Friemann packt die Männer bei den Schultern, schafft sich zu der verhängnisvollen Stelle Zutritt und erlebt als erster den grauenvollen Anblick, als der ungeheure, von schwarzen Ketten umschlungene Kasten langsam wieder hochgewunden wird.
Schwester Emmi stürzt mit bleichem Gesicht herbei, sie ahnt, daß Felix Friemann eben in rasendem Lauf sie streifte, sehen konnte sie ihn nicht. Sie hält sich am Arm eines Arbeiters fest und legt die Hand vor die Augen.
Frau Adelheid hört die Rufe, sie sieht ihren Bruder wie einen Besinnungslosen stumm vorbeieilen — der Kapitän und sie laufen in dumpfer Ahnung zu der Menschenansammlung. Niemand hätte diese Eile und Kraft vermutet, die Frau Adelheid vorwärts stößt — durch die Mauer der Arbeiter zum fürchterlichen Platz unter der schwebenden Last des Krans.
Sie fällt steif gegen die hilflos blickenden Männer zurück. Man fängt sie auf, und nun kann man einer Ohnmächtigen helfen, ihr Kind wagt keine Hand mehr zu berühren.
Schwester Emmi wird gerufen. Sie lehnte mutlos gegen die Mauer der Lagerhalle. Nun gibt sie Anordnung, Frau Adelheid zur Kantine zu tragen, denn hier sind keine Belebungsmittel, und es ist gut, wenn Frau Adelheid beim Erwachen den Kran nicht mehr sieht. Der Kapitän stimmt ihr mit wortlosem Nicken zu. Die Fürsorgeschwester kann wieder einmal zuerst klar denken und helfend eingreifen.