Aber die große Stille hatte ihr nicht die gewünschte Harmonie gegeben. Bitterkeit überfiel sie.
Mußte sich in solchen Stunden nicht Mißtrauen einschleichen? Der Gedanke lag nicht fern, daß er sie nur ihres Geldes wegen genommen hatte, weil sie ihn so hingegeben liebte. Sie konnte ihre Gefühle von jeher schlecht verbergen.
Die Eltern hatten sie wohl warnend darauf aufmerksam gemacht, daß diese Möglichkeit gegeben wäre. Sie verschwiegen ihr auch nicht, daß er Beziehungen zu einer anderen, gleichfalls vermögenden jungen Dame unterhielt.
Nahm er denn ihren Reichtum in Anspruch? Nein, er ging in seinen alten Kleidern umher, die er schon trug, als sie ihn kennenlernte. Gewiß, sie waren nicht schlecht. Doch er hätte sich diesem internationalen Publikum anpassen können, damit er nicht aus dem Rahmen fiel. Er blieb bescheiden in seinen Ansprüchen. Er sehnte sich von diesem Platz der Begüterten fort. Die Table d'hote störte ihn, der ganze Reichtum war ihm offensichtlich lästig. Er war der Mann der Arbeit geblieben.
Es ließ ihn auch gleichgültig, daß die Frauen ihm oft und lange nachsahen. Nur Adelheid haben diese Blicke stets in ungewöhnlichem Maße bewegt, obgleich ihr Anteil an Joachim Becker dadurch weder größer noch geringer wurde. Sie ließen ihre Liebe sehnsüchtiger und schmerzlicher aufflammen.
So hatte sie sich in ihren Gedanken verloren, während sie die Anhöhen erklomm und von den schrägen Flächen herabglitt. Die Sonne senkte sich plötzlich. Die Berge in der Ferne verschwammen. Erste Lichter flammten auf. Ihre Füße wurden müde und schwer. Kaum konnte sie noch die Höhe erklettern, und dann glaubte sie, die Richtung zu verlieren.
Sie schnallte die Schneeschuhe ab, als sie endlich auf einen ausgetretenen Weg gelangte, denn sie vermochte diese Last nicht mehr zu heben. Den Versuch, sie auf der Schulter zu tragen, gab sie bald auf. Sie warf sie in den Schnee. Ihre Beine waren nun befreit, aber wie abgestorben. Sie begann zu frösteln, die Zähne schlugen aufeinander — wie in dieser Nacht, da die Erinnerungen wieder lebendig werden.
Wie jetzt die Wärme in ihrem Körper sich brennend ausbreitet, das Blut in die Schläfen drängt und ihre Mundhöhle ausdörrt, so hatte sie damals im fremden Hotelzimmer gelegen, am Anfang ihrer Ehe, als die große Einsamkeit begann.
Ihre Gedanken arbeiten unablässig weiter. Sie liegt mit geschlossenen Augen da, die Glieder gerade ausgestreckt, die Arme eng an den Körper gepreßt. Die Kissen lasten wie ungeheure luftgefüllte Volumen dennoch schwer auf ihr, so daß sie sich nicht zu bewegen vermag. Sie sinkt immer tiefer und schwerer hinab und glaubt, die Matratze müsse unter ihrer Last brechen.
Sturzbachgleich fallen die Erinnerungen in ihr fieberndes Hirn. Alle einsamen Stunden rotten sich zusammen, sie gewinnen phantastische Formen, sie werden gleichsam körperlich und klagen den großen Schuldigen an: den Hafen!