Der Hafen mit seinen bleckenden kalten Wasserspiegeln und mit dem grausamen schwarzen Kran! Seine Eisenarme wachsen ins Unermeßliche, sie recken sich ihr entgegen.
Sie haben ihr Joachim Becker genommen, sie haben ihr die Tochter entrissen, sie verlangen nach dem zweiten Kinde, das sie tot in ihrem kranken Körper birgt.
Sie schreit wiederum laut auf und fühlt, wie ihr eigener Ruf sie in ihrer Glut fröstelnd erstarren läßt. Fahles Morgenlicht umgibt sie, ihre Schultern werden sanft hochgehoben. Der Rand eines Glases ist vor ihren Lippen. Sie schlürft eine bittere Flüssigkeit langsam herab und blickt in das graue übernächtige Gesicht der Krankenschwester.
»Der Hafen«, flüstert sie entsetzt und liegt wieder ausgestreckt, allen Schrecknissen neuer Fieberphantasien preisgegeben.
Aber mählich beruhigt sich ihr krankes Blut, und sekundenlang erhellt vollkommene Klarheit ihren verwirrten Geist. Als eine große heilsame Erkenntnis steht es vor ihr: »Der Hafen allein ist schuld!«
Damit dieser Riesenbottich der großen Stadt zum Leben erwache, nahm Joachim Becker ihre Liebe an, stürzte er sie und sich selbst in Einsamkeit und Qual.
Nun, da der Hafen mit allen seinen Schiffen und Kränen atmet und sich rührt, hebt er seine Arme, seine unheimlichen schwarzen Kranarme, um sie alle zu zermalmen.
Sie weiß, daß die Vision zerrinnt, wenn sie die Augen öffnet, doch sie ist nicht mehr imstande, die Lider zu heben. Lähmendes Gift schleicht durch ihren Körper und versenkt sie in einen kurzen betäubenden Schlaf.
Schmerzhaft grell, von Licht umstrahlt, fühlt sie sich, wieder erwachend, hochgehoben und auf ein hartes Lager gebettet. Sie vernimmt das elastische Rollen von Rädern, sieht lange weiße Korridore und erkennt, daß sie nun in den Operationssaal gefahren wird. Sie kann sich nicht wehren, das Gift hat ihre Glieder gelähmt. Sie ist hilflos und ohne Willen.
Der Laut vielfacher Stimmen, das Klirren der Instrumente, Wasserrauschen hallt hart von den kühlen Wänden zurück und dringt in den Rhythmus ihres Blutes. Sie schmeckt das bittersüße und kühlende Narkotikum und sinkt immer tiefer in ein dunkel brausendes Chaos hinein.