Und weil sie immer wieder bei seinem Anblick erregt wird, muß man ihren Mann bitten, ihr in der nächsten Zeit fernzubleiben, zumal noch die Nachricht vom Tode Felix Friemanns ihr bevorsteht.
Zwei Wochen später kann sie bereits in die Wohnung ihrer Eltern übergeführt werden. Notlügen von einer Reise des Bruders lassen sich nicht länger fortsetzen, aber man braucht ihr auch die Wahrheit nicht zu sagen, denn im Hause ihrer Eltern, in dieser Heimstätte unversiegbarer Liebe und engsten Zusammenhalts, teilt sich die Schrecknis vom Tode des einen wie in mystischer Verbundenheit dem Blute des anderen mit.
Und Adelheid findet, in das leere Haus ihrer Kindheit zurückgekehrt, die ersten Tränen seit dem Tode ihrer Tochter.
Der Abschied
Joachim Becker irrt ruhelos in seinem verlassenen Haus umher. Adelheid ist zu ihren Eltern heimgekehrt; man bat ihn, zu warten, bis sie nach ihm verlange. Aber sie ruft ihn nicht.
Er bleibt auf dem Treppenabsatz im Vestibül stehen und denkt: hier stand sie, mit ihrer schönen kleinen Tochter im Arm, deren traurige, große Augen ihm fragend — oder unbewußt anklagend? — nachblickten. Die winzigen Hände winkten, und Adelheids mütterlich-stilles Lächeln leuchtete neben dem ernsten Kindergesicht.
Er stellt sich an den hohen Kamin in ihrem Zimmer und gedenkt des Abends nach dem Theaterbesuch, da er alles so klar gesehen hatte und dennoch schwieg.
Und wenn er zwischen zwei Konferenzen am Schreibtisch seines Arbeitszimmers sitzt, deckt er zuweilen die Hand über die Augen. Scham entbrennt in seinem zerquälten Gesicht, und alle falschen Gesten fallen von ihm ab.
Drei Wochen sind vergangen, und Adelheid hat noch nicht nach ihm verlangt. Seine Selbstvorwürfe werden mit jedem Tage heftiger, Mutlosigkeit überfällt ihn. Dieser tüchtige junge Generaldirektor, der so ausgezeichnete und grandiose Pläne zu entwerfen versteht, hat Plan und Ziel für sein eigenes Leben verloren.