Er fühlt Irmgards warmen runden Arm, der von keinem Stoff verhüllt ist. Sie hat sich eingehakt, ihr Kleid berührt ihn in der Bewegung und er spürt den Duft ihrer Haare ganz nahe an seinem Gesicht. Doch als sie ihn bis zum Ausgang gezogen hat, läßt sie die Tür für den Vater geöffnet, und dann hängt sie sich auf der anderen Seite in den Arm des Vaters. So gehen sie zu dritt über den Hof und haben sechs Augen und sechs Ohren.

Wie sollte da der Kapitän seine Rede anbringen, die er sich noch für die letzte Stunde aufhob? Er verstand sich nie auf die Frauen. Zweimal versuchte er es, ihnen sein Herz zu öffnen. Aber er hat es beide Male nicht richtig angefangen. Nun gibt er den aussichtslosen Versuch auf.

›Spät bin ich alter Trottel dahinter gekommen, daß sie mir ausweicht. Diese Geste des Mitleids erst mußte mir alles verraten‹, denkt er nun bitter.

Er trinkt noch ein Glas Wein mit den dreien, von denen Frau Pohl seinen Fortgang am offensichtlichsten und sehr wortreich bedauert. Dann schüttelt er allen — auch dem eigenwilligen kleinen Michael — herzlich die Hände und winkt sogar von der Föhrbrücke aus noch einmal zurück.

Es ist gut, daß die Stunde für den Abendbesuch sehr nahegerückt ist und er in seiner einsamen Wohnung nicht lange zu verweilen braucht. Sie hatte in letzter Zeit zu viel alte schmerzliche Erinnerungen aufgestört. Denn sein Weg führte ihn immer über einen Platz, auf dem ein junger Mensch sein Leben zerschmetterte. Er war fünfundzwanzig Jahre alt, genau so alt wie eine Frau, die auch einer Schuld wegen ihr Leben wegwerfen mußte.

Der Kapitän blickte fest auf die Hafenwirtschaft oder über die Kähne hinweg, irgendwohin, wenn er diesen Fleck überschritt. Es war nichts zu sehen als heller Asphalt wie überall, aber er zuckte zusammen, wenn sein Fuß darübertrat, und das mußte die Nerven des kräftigsten Mannes auf die Dauer zermürben.

Wollte er das Fenster schließen, um mit seiner Geige allein zu sein, so irrte sein Blick unwillkürlich dorthin. Er ging vom Fenster zurück und ließ die Geige im Kasten. So blieb er ohne Trost und ohne Ruhe.

Und nun macht er seinen letzten Abschiedsbesuch bei einem, der auch ruhelos im großen schönen Haus nach einem Anker sucht.

Er wird vom Kommerzienrat mit stummer Herzlichkeit empfangen und muß bei seinem Händedruck unwillkürlich an Herrn Pohl denken. In Erscheinung und Wesensart grundverschieden, haben die beiden ein Gemeinsames: sie lebten — während der eine Geld aufhäufte und der andere nur seine Pflicht erfüllte — niemals für sich und verschwendeten ihre einmalige scheue Zuneigung, ihr rückhaltloses Vertrauen an ihren Gegensatz, an Joachim Becker, der noch nie etwas anderes als sich selbst und sein Ziel sah. Nun wenden sie sich in der gleichen Enttäuschung resignierend dem zu, der nicht beglückt und nicht verletzt, der in seiner stets gleichbleibenden Bereitschaft zu Teilnahme und Gerechtigkeit gern da gesehen wird, wo er weder überschäumende Freude noch den ersten erbitterten Groll durch sein Gleichmaß beschämen kann.

Der Kapitän ist sich seiner Rolle schmerzhaft bewußt, aber da sie ihm nicht abgenommen wird, und man ihm seinen Eingang in den ungerechten schwankenden Kampf der Gefühle verwehrt, waltet er weiter still seines Amtes.