Er lobt die Küche des Kommerzienrats, seine gut gelagerten Weine und erzählt von den lukullischen Genüssen anderer Völker, von erfrischenden und berauschenden Getränken in aller Welt, von einem kleinen Spezialgebiet seines vielfältigen Wissens, während er bemerkt, daß der Kommerzienrat nur zeitweise seine langatmigen, ungewürzten Schilderungen verfolgt. Er verstummt nicht, denn die ermüdenden Reden, die keine Antwort und kein anhaltendes Interesse beanspruchen, ja dem Zuhörer leichte Nebengedanken erlauben, tragen oft Lastendes und Quälendes unmerklich fort und leiten in eine besinnliche Stille hinüber.
Nach dem Essen stellt sich auch Rechtsanwalt Bernhard ein. Er bekommt, mit einem gewissen Gewohnheitsrecht, einen kleinen Imbiß nachserviert, und dann gehen die drei in das Rauchzimmer, wo selbst der junge Alfred Bernhard, der getreue Tanzstundenfreund Frau Adelheids, sich dem langsamen Genuß der kommerzienrätlichen Zigarren hinzugeben bemüht.
In seinem Bureau sitzt nun nicht mehr eine einzige Stenotypistin, die mit Handarbeiten die Arbeitsstunden umzubringen versucht. Nein, er hat einen eigenen Bureauvorsteher und einen Stab von Schreibfräuleins, die den ganzen Tag gut ausgeklügelte und dennoch mit sicherem Geschmack parierende Schriftsätze in Scheidungssachen schreiben. Er ist gewiß nicht durch einen blinden Zufall, sondern durch eine offensichtliche Begabung allmählich ein Spezialist in Ehescheidungen geworden. Seine friedliebende Natur, die unermüdlich bestrebt ist, Ausgleich und reibungslose Auseinandersetzung herbeizuführen, selbst wenn anscheinend unüberbrückbare Hindernisse entgegenstehen, erwarb ihm den guten Ruf. Man sucht ihn bereits und hält ihn in bester Erinnerung, weil er das unerquickliche Ende ohne Schrecken zu finden weiß.
Er bewies seine diplomatischen Künste im Prozeß der Hafengesellschaft gegen Michael Pohl, den er drei Jahre ohne unnötige Dissonanzen in der Schwebe zu halten verstand, bis er an seinem eigenen Widerspruch zerrann. Er wußte selbst einen Querkopf wie den Bäckermeister Reiche davon zu überzeugen, daß man recht haben kann und dennoch sein Unrecht zugeben muß. So führt er immer seine Parteien langsam und ohne kleinliches Gezänk — mit einer Geduld, die nervöse Kollegen fast pathologisch nennen — zum gewünschten Ziel. Wenn es auch zuweilen in neuer Versöhnung besteht, so verdient er daran nicht geringere Honorare, weil er es sich zum weisen Prinzip macht, diese Akten gut zu verwahren. Er weiß, daß solcherart Klienten nicht ohne Anhänglichkeit sind.
So hat er in seiner Praxis Gelegenheit zu manchen Beobachtungen gefunden, die er auch im Privatleben anzuwenden weiß. Wie hätten ihm also die Anzeichen für den Bruch einer ihn so besonders interessierenden Ehe entgehen können? Zumal er die Tanzstundenfreundin, die in seinen Gedanken die scheue Adelheid Friemann blieb, nicht aus den Augen ließ.
Vielleicht sind viele seiner guten Erfolge in anderen Ehescheidungen darauf zurückzuführen, daß er so intensiv immer nur an den einen Fall dachte, den nun endlich ein Kollege bearbeitet. Man sagt ihm nach, daß er mit besonderem Geschick stets die Schuld der männlichen Partei übertrug, so daß er hauptsächlich die Unschuldigen vertrat. Aber die Klientin, die er mit so unermüdlicher Geduld erwartete, schickte er dennoch zur Konkurrenz. Nein, in dieser »Sache« hätte er keinen Finger rühren können.
Es ist seine große Tragik, daß er in den eigenen Angelegenheiten von den beruflichen Fertigkeiten verlassen ist. Wie redegewandt kann er vor dem Richter oder in seinen Schriftsätzen für die Interessen anderer eintreten, und wie stumm war er geblieben, als Adelheids Gefühle noch nicht abgeirrt waren. Er könnte nun mit Recht hoffnungsvoller und ruhiger in die Zukunft blicken, denn man kann annehmen, daß sie seine Treue noch einmal anerkennen wird. Doch je näher der Termin ihrer Freiheit heranrückt, um so nervöser wird Alfred Bernhard, der wieder alle Qualen der Tanzstundenzeit erlebt. Er hat noch jeden Tag in der Erinnerung, an dem er die Gelegenheit und das richtige Wort versäumte, bis sie Joachim Becker kennenlernte und er einsah, daß es zu spät geworden war.
Nun zieht er hier in scheinbarer Ruhe an der schweren Zigarre, lauscht zerstreut den Gesprächen der beiden »alten Herren« und denkt mit banger Freude an den Herbst, der Adelheid wieder hierherführen wird.
»Und doch sind solche Krankheiten oft heilsam,« hört er den Kapitän sagen, »sie befreien den Menschen nicht nur körperlich, sie lassen ihn nach einiger Zeit auch seelisch genesen. Wir müßten alle ab und zu nach einer gründlichen Aufräumung der alten Stoffe wieder neu beginnen.«
»Ich glaube, daß Sie darin noch zu optimistisch sind, lieber Kapitän«, erwidert der Kommerzienrat, während er den Blick in die Luft richtet. »Bei jungen Leuten mag das zutreffen. Vielleicht sind Sie dafür auch noch jung genug. Aber unsereins —«