Der Kommerzienrat schiebt seinen Körper zur anderen Seite des Sessels und stützt den Arm mit der hochgehobenen Zigarre schwer auf die Lehne.
»Sehen Sie, ich habe auch gedacht: du wirst zunächst nur Geld verdienen, und dann fängst du von neuem an. Es ist nicht mein Jugendtraum gewesen, mit Getreide zu handeln, hochfliegende Pläne habe ich allerdings auch nicht gehabt. Im Gegenteil, sie waren sehr bescheiden und standen in einem gewissen Zusammenhang mit meinem Gewerbe. Ich habe nämlich das Getreide geliebt. Aber nicht auf dem Ladentisch und nicht an der Börse. In die Erde wollte ich es versenken. Säen wollte ich es, sein Wachstum still verfolgen, von Gott und dem Wetter abhängig sein und nicht von den Schwankungen, die uns die Trusts und die Spekulanten diktieren. Ja, man hat es oft satt gehabt und sich Geduld gepredigt, weil man glaubte, noch warten zu müssen. Aber die gewohnte Haut wächst einem schließlich so fest an den Leib, daß man sie nicht mehr herunterstreifen kann. Immer weiter schiebt man den Zeitpunkt. Erst sollte es mindestens ein kleiner Bauernhof sein, dann ein Rittergut, und schließlich wollte man das, was man sich hier so mühsam in einem ganzen Leben erwarb, auch nicht aufgeben und den Kindern vererben, ehe man sich zurückzieht. Und nun —«
Er wirft sich wieder auf die linke, dem Kapitän abgewandte Seite des Sessels und läßt den Arm mit der kalten Zigarre sinken. Der Kapitän sucht nach einigen wohlgefügten und geeigneten Worten, um über die Situation hinwegzuhelfen. Der Kommerzienrat jedoch spricht mit neuem Anlauf weiter:
»Je länger ich jetzt darüber nachdenke, um so mehr komme ich dahinter, daß der Junge, der Felix, gar nicht hierher gepaßt hat. Das war zu groß und zu unruhig für ihn. Er hat sich mit seinem lebhaften Geist für alles interessiert. So kam es, daß er seine Kräfte zersplitterte und daß er nichts zu Ende denken konnte. Und so durfte er auch sein Leben nicht zu Ende leben.«
Er schweigt. Seine beiden Zuhörer finden keine Entgegnung. Der Kapitän denkt: ›Wäre ich nicht auf dem Sprung, ihn für immer zu verlassen, so würde er kaum das alles in meiner Gegenwart erzählen. Man gibt seine geheimsten Erkenntnisse nicht dem preis, den man täglich wiedersehen kann.‹
Oder sind die Worte an Rechtsanwalt Bernhard gerichtet, den der Kommerzienrat schon fast zur Familie rechnet und der beizeiten erfahren soll, welche Fehler er zu vermeiden hat?
»Er hätte in das einfache Leben gepaßt, das ich für mich reservieren wollte«, fügt der Kommerzienrat mit gepreßter Stimme hinzu. Es scheint doch, als spräche er nur, um sich von den Selbstvorwürfen laut zu befreien.
»Sie haben, soweit ich beurteilen kann, immer das Beste für Ihre Kinder gewollt und sie selbst wählen lassen«, sagt der Kapitän tröstend.
»Gewiß«, erwidert der Kommerzienrat. »Scheinbar haben sie selbst gewählt. Aber ihr Wille gehörte ja nicht ihnen. Er war durch die Erziehung und die Umgebung, die ich ihnen schuf, beeinflußt. Sie trafen also eine Wahl, die ich ihnen indirekt aufzwang und die nicht einmal meiner wahren Neigung entsprach. Ich selbst war mit meinem Herzen immer bei der Scholle, die Kinder aber verpflanzte ich hierher, wo sie ebensowenig Wurzeln fassen konnten wie ich. Und es hätte doch sehr nahe gelegen, daß sie nach mir oder meiner Frau arteten, die in ihrer Bescheidenheit überhaupt keine eigenen Wünsche mehr hat. Oder glauben Sie, daß der Junge aus dem Leben gegangen wäre, wenn ihn etwas stark genug gefesselt hätte?«
»Es war eine Gefühlswallung, die in der Erregtheit über den ersten Unglücksfall leider niemand schnell genug hemmte«, erwidert der Kapitän.