Die Frauen heben die Ohnmächtige auf und legen sie über das Bett. Und siehe: die Glieder sind leicht und gelöst, sie lassen sich biegen und bewegen. Der Schrecken hat die Gelähmte von ihrem Bann befreit. Sie, die seit fünf Jahren das Bett nicht verlassen hat, konnte die Treppen hinabgehen, und erst hier, neben dem Kinde, das sie für ihren Sohn hielt, brach sie zusammen.

Sie massieren den kalten Körper, packen ihn in angewärmte Decken. Das Blut beginnt zu kreisen, leise rührt sich die Kranke, sie hebt einen Arm, sie öffnet die Augen. Ihr Blick aber ist nicht ausdruckslos und ohne Richtung. Er umfaßt die Tochter, und leise, zärtlich fragt sie:

»Bist du es, Irmgard?«

»Ja, Mutter.« Es ist seit fünf Jahren zum erstenmal, daß sie aus diesem Munde ihren Namen hört.

»Wie geht es unserem Michael?«

»Er ist gesund, Mutter.«

»Willst du ihn mir einmal geben, meinen kleinen Sohn?« Und es ist wiederum seit fünf Jahren zum erstenmal, daß sie nach dem Kinde verlangt. Ihre Stimme klingt sanft, erfüllt vom bangen Gefühl für das mütterlich verschenkte Leben.

Irmgard Pohl nimmt zitternd den Knaben, Joachim Beckers Sohn, aus den Kissen und legt ihn der Mutter in den Arm.

»Er schläft, immer schläft er,« flüstert die Kranke, »er wird stark und gesund werden, ich habe es gewußt.«

Sie lehnt ihr mageres Gesicht hingegeben an den warmen kleinen Leib.