»Und nun leg' ihn wieder hierher, daß er in meiner Nähe bleibt, dann will ich schlafen. Ich bin noch sehr müde und schwach. Er hat mir so viel Kräfte genommen, unser Stammhalter« fügt sie schmerzlich lächelnd hinzu.
Fünf Jahre sind aus ihrem Gedächtnis gelöscht, hier liegt ihr Sohn voll Leben und Wärme, und sie wendet sich auf die Seite zu dem langen, erquickenden Schlaf, der die jungen Mütter nach ihrer großen Stunde umfängt.
»Ich habe es geahnt, daß sie damit zu heilen ist«, flüstert Schwester Emmi, als sie die Tür hinter sich schließen, Irmgard und sie, die sich nun zur Wirklichkeit zurückfinden.
Sie suchen Verbandzeug und Tücher, soviel die Schwester tragen kann, und dann geht sie hinüber zur Unfallstätte, während Irmgard hier Wache hält und auf den Vater wartet.
Der Mühlenbesitzer ist in der Stadt gewesen, während das Unglück geschah. Auf dem Heimwege, in der Bahn, wird bereits davon gesprochen. Und er eilt mit schwachen Füßen über die Föhrbrücke, er, der so kräftig in seinen hohen Stiefeln zu stapfen gewohnt ist. Aber sein Haus steht da, hell und mit bunten Fensterrahmen, auch sein Speicher steht und seine Mühle.
Nun erst blickt er auf die Verwüstungen im Nachbargelände. Ist es nicht, als hätte Gottes Hand diesen Bau von Stein und Eisen umgelegt, der wie ein Denkmal für verlorenes Menschentum vor seinen Augen aufgewachsen war? Gleich einer großen mahnenden Faust ragen die verbogenen Eisensparren über dem verfallenen Gestein. Und Michael Pohl streicht allen Haß aus seinem Herzen.
Irmgard geht ihrem Vater entgegen und berichtet flüsternd von dem Vorfall im eigenen Hause.
»Nun können wir ihm seinen Namen geben«, sagt sie zum Schluß. »Er heißt Michael.«
Als die Schwester endlich bei der Unglücksstätte anlangt, sind schon Ärzte und freiwillige Helfer da. Sie reißen ihr die Tücher aus den Händen und geben ihr Arbeit, soviel sie nur schaffen kann.
Auch die Neugierigen fehlen nicht und die Reporter, die bei solchen Ereignissen immer zufällig in der Nähe sind. Sie haben den Schaden bereits gezählt und stürzen an das Telephon der Hafenwirtschaft. Frau Reiche richtet die Zimmer und Betten für die Verwundeten.