»Großes Explosionsunglück beim Hafenbau!« melden die Extrablätter in der Stadt, und die Maschinen stampfen es schon in die Abendausgaben. »15 Tote! 46 Verwundete. Der halbfertige Getreidespeicher zerstört! Das Nordbecken von den Trümmern verschüttet! Millionenschaden! Untersuchungen über die Ursache sind im Gange.«

Joachim Becker war kaum vom Hafen zurückgekehrt, als ihm das Unglück gemeldet wurde.

Nun steht er wieder an der Stelle, wo er vor einer Stunde seine Befehle gab, und spürt zum ersten Male in seinem jungen, von Arbeit und Erfolgen prall erfüllten Leben den Hammer eines unerbittlichen Geschickes.

Und zum ersten Male ist ein Stillstand in ihm eingetreten. Er findet sich im alten Schuppen, der mit seinen Holzwänden noch unbeschädigt an die Vergangenheit gemahnt, und sieht der flinken blonden Schwester zu, die lautlos an den Opfern vorbeihuscht und ihre Zahl auf einem Zettel notiert.

»Es sind bis jetzt 28 Tote«, haucht sie beklommen an der Tür. Joachim Becker nimmt es unbewußt auf und richtet seine entspannten Augen, die in dem hellen offenen Gesicht sich dunkelnd vertiefen, über das Gelände mit den Trümmerhaufen, dem zerwühlten Becken, das wie ein Krater schwarz und naß die Arbeitenden verschluckt hat; er sieht die aufgeregt hastenden Menschen, die Krankenwagen, die Verwundeten und die Toten.

Und er sieht noch einmal das fertige Werk seiner wirklichkeitsnahen Träume: eine Reihe von langen und breiten Hafenbecken mit Tausend-Tonnen-Schiffen in vier Reihen, Speicher und Verladebrücken, die schwarz aufragenden Arme der Krane, das Turmhaus der Verwaltung, den Freihafen mit seinen direkten Ladungen aus aller Welt. Daneben aber die Siedlungen für die dem Teufel Alkohol entronnenen Arbeiter, helle Häuser mit Blumen in den Gärten, die Badehallen und Schwimmanstalten, die Spielplätze für die Kinder und die Sportwiesen für die menschgewordenen Sklaven der Arbeit. Nein, nicht mehr Sklaven sieht er: freie Menschen, dem Lichte zurückgegeben, den uralten Straßen — den Wasserwegen mit der staubfreien Luft und den grünen Ufern — wiedergeschenkt.

Hier aber liegen seine ersten Helfer: in die Erde gewühlt, unter Trümmern begraben, verstümmelt für die letzte kurze Strecke ihres Lebens; von Schmerzen verzerrt.

Er folgt ohne Bewußtheit der Krankenschwester, die hier eine schluchzende Frau in den Arm nimmt und tröstet, dort einem Verwundeten den Verband anlegt. Er findet sich in der Hafenwirtschaft, im großen Raum mit eilig gerichteten Krankenlagern und sieht, wie seine »freien Menschen« auf Bahren gepackt und zu den Krankenwagen davongetragen werden. Er sitzt auf einer Kiste und betrachtet die leichten Bewegungen der Schwester, die das Verbandzeug zurechtlegt und auf weitere Verwundete wartet. Er hört seine eigene Stimme wie die eines Fremden, als er fragt:

»Sind Sie von der Rettungsstation?«

»Nein,« gibt Schwester Emmi leise zur Antwort, »ich war in der Nähe, als das Unglück geschah.«