Lag nicht immer schon etwas mütterlich Schweres und Sanftes in Adelheids Wesen? Er hat das Verlangen, den Kopf an ihre Knie zu schmiegen und sich trösten zu lassen wie von einer Mutter. ›Das Kind im Manne?‹ fragt er sich in leisem Selbstspott. Vor wenigen Stunden noch wäre ihm die Situation lächerlich erschienen.

Er schickt Herrn Gregor nach Hause und fragt ihn, ob er ins Theater gehen wolle. Hier seien zwei Eintrittskarten. Gesellschaft würde er wohl finden? Nein, deswegen würde Herr Gregor nicht in Verlegenheit kommen. Er dankt mit indiskretem Lächeln.

Joachim Becker hatte sich zum erstenmal seit Wochen dazu entschlossen, heute mit Adelheid in die Oper zu gehen. Aber nun will er sie nicht unter fremde Menschen führen.

Er hatte noch nie Zeit, sich für Kunst zu interessieren, er versteht nichts davon. Wenn er sich ablenken wollte, sah er sich ein Lustspiel oder eine Operette an, aber er verspürte stets einen schalen Geschmack danach, es reute ihn der Zeitverlust. Nun will er Adelheid die Freude bereiten, mit ihr allein zu Haus zu bleiben, einen ganzen Abend nur ihr zu widmen; gut und milde zu sein.

Er hatte noch niemals daran gedacht, seiner Frau ohne äußeren Anlaß Blumen oder andere Aufmerksamkeiten mitzubringen, auch heute hält er sich nicht damit auf. Aber er kommt mit einem vollen Herzen. Und das scheint ihm so ungeheuer viel, daß der Gedanke an materielle Geschenke ihm absonderlich vorgekommen wäre.

Während er im Wagen seinem Hause entgegenrollt, dünkt ihn die familiäre Sorgfalt und Rücksichtnahme des Kommerzienrats längst nicht mehr lächerlich wie sonst. Auch er freut sich auf sein Familienleben.

Adelheid erwartet ihn bereits im fertigen Staat für den Theaterbesuch. Ihre Mutter sitzt in ihrem Zimmer und erzählt vom letzten Opernabend.

»Selbst Frau Bankdirektor Ellgers war da, die doch aus hygienischen Gründen nur selten ihr bazillenfreies Haus verläßt«, sagt sie, als ihr Schwiegersohn eintritt.

»Ich freue mich so sehr, daß ihr endlich einmal miteinander ausgeht«, ruft sie nach der Begrüßung aus. »Adelheid hat sonst so gar nichts von ihrem Leben. Und bald wird sie sich nicht mehr öffentlich zeigen wollen.«

»Ja«, sagt Joachim Becker beklommen bei dem Gedanken an die verschenkten Theaterkarten. »Ich hatte aber gerade heute den Vorschlag machen wollen, zu Haus zu bleiben. Wir beide ganz allein, Adelheid und ich. Die Sitzung hat mich sehr angestrengt, und ich bin so lange nicht mit Adelheid allein gewesen.«