»Ich wollte euch ohnehin bald verlassen, denn Papa wird wohl jetzt auch zu Hause sein. Aber meine Ansicht ist, daß Adelheid die Ablenkung gut tun würde«, sagt die Kommerzienrätin mit abgewandtem Gesicht. Sie sucht ihren Mantel und rüstet sich, um dieses Haus rasch zu verlassen, in dem ihr so deutlich gesagt wird, daß man allein sein will.

»Was meinst du, Adelheid?« fragt Joachim Becker leise, indem er seine Hand auf ihre Schulter legt.

Sie blickt hilflos auf, und weil die Mutter ihr den Rücken wendet und sie ihr Gesicht nicht sieht, wird sie ängstlich. Sie erhebt sich, so daß die Hand ihres Mannes herabfällt, und geht zu ihrer Mutter hinüber.

»Nein, Mutter,« sagt sie, »so darfst du nicht weggehen.« Die Kommerzienrätin schließt den Arm um ihre Tochter, und beide Frauen gehen wortlos hinaus.

Da fühlt Joachim Becker, wieviel Leid er hier schon unbewußt veranlaßt hat, und daß keine Brücke hinüberführt. Heute nicht — vielleicht in der Zukunft?

Er geht in sein Zimmer hinüber und denkt lange, verworren über seine Handlungen nach, er, der immer so klar und folgerichtig, so gut organisiert zu denken vermochte. Er glaubt, hier und da in schwachen Umrissen Fehler zu erkennen. Seine große Sicherheit, seine Zielbewußtheit fällt von ihm ab, er ist trostbedürftig wie ein Kind.

Und fühlt zum erstenmal in seinem Leben die große quälende Einsamkeit ...

Die Mutter

Irmgard Pohl geht vor das Haus. Die Luft in den Zimmern ist stickig. Ohne Abkühlung selbst in der Nacht. Dazu der Geruch von Medizin und Krankheit, der in alle Zimmer dringt, seitdem Frau Pohl in die unteren Räume übergesiedelt ist.