Jetzt, gegen Abend, weht ein Luftzug vom Wasser herüber. Die Mühle und die Speicher wirken noch bestaubter als sonst, und auch die Pflanzen im kleinen Vorgarten des Wohnhauses werden trocken und stumpf.
Die Geräusche vom Hafen sind nun ferner gerückt. Einige Arbeiter werkeln am zerstörten Getreidespeicher, dessen verstümmelter Bau wieder abgetragen werden muß. Die neue Arbeit aber wird am südlicher gelegenen Mittelbecken geleistet. Die wimmelnden Massen der Arbeitenden, die kleinen Kippwagen und die Arbeitsautos wirken von der Mühle aus spielerisch klein. Silhouettenhaft gezeichnet sieht Irmgard die Vorgänge durch die verdickte, vom letzten Sonnenleuchten glitzernde Luft.
Sie setzt sich auf die Bank vor dem Haus, müde und des vielen Lärmens überdrüssig. Auch an der Mühle wird nun gebaut. Herr Pohl läßt den Speicher aufstocken und einen Flügel am Müllereigebäude anbauen. Die Arbeiter sind gegangen, doch die Steine und Bottiche stehen umher, die Gerüstbalken liegen vor dem Speicher und zerstören den ruhigen Eindruck, der auf diesem Gelände bisher bewahrt geblieben war.
Es ist kaum vorstellbar, daß noch vor einem Jahr die Vögel in Scharen auf den Feldern drüben niedergingen und sich holten, was von der Ernte zurückgeblieben war. Daß die alten Linden ihren weichen Duft mit den warmen Südwinden über den Kanal hinweg zur Mühle sandten. Daß Kinder auf den Wiesen spielten, und daß zwischen ihnen ein paar weiße Ziegen mit gesenkten Köpfen dahintrotteten. Dort, wo jetzt die tiefen Gruben sind und neue Speicher aus der Erde wachsen.
Wenn man des Abends vor das Haus trat und über den Kanal hinwegblickte, war eine ebene Fläche, soweit das Auge reichte. Nur zur Linken dunkelten die breiten Wipfel der Linden und verdeckten das Fräuleinstift, dessen Pensionäre man niemals zu Gesicht bekam. Die Rufe heller Kinderstimmen wehten zuweilen herüber, und dann konnte man ganz gedämpft irgendwelche dunklen, schweren Kirchenglocken aus dem Innern der Stadt vernehmen. So still war es in diesem Winkel, wo nun der neue Hafen entsteht.
Aber hatte Irmgard sich damals dieser Stille vollkommen bewußt gefreut?
Sie bückt sich und fegt mit der Hand über das blaue Blumenbeet, aus dessen dichten kleinen Blüten dabei ein heller Hauch von Staub auffliegt. Sie sucht immer eine Beschäftigung, wenn peinliche Gedanken sie bedrängen, trotzdem sie längst weiß, daß sie sich zu anderer Zeit doch wieder melden und auf die Dauer nicht abzuwenden sind.
Nein, sie hatte die Ruhe als einen hinterwäldlerischen Zustand hingenommen und mit Joachim Becker von dem großen Hafen geträumt.
Einige Rosen am hohen Stock in der Mitte des runden Beetes hängen welk herab. Irmgard nimmt einen der sammetweichen kühlen Köpfe sachte mit der Handfläche auf. Sie kann nicht übersehen, daß der Rosenstock an einen runden Stab gebunden ist, einen grünen Stab mit weißer Spitze, den Joachim Becker im vorigen Jahr mit seinem Taschenmesser zurechtschnitt und in knabenhaftem Eifer farbig überpinselte.
Sie zieht die Hand von der Rose fort. Schwer sinkt sie vornüber, und dann segeln die hellen Blätter nach allen Seiten in die blauen Blumen hinein.