Irmgard wendet sich brüsk ab. Vor der Tür stockt sie einen Augenblick. Sie will das Haus meiden, um von der Mutter nicht gehört und gerufen zu werden. Mit kleinen Schritten schleppt sie sich um das Gebäude herum und geht durch den Gemüsegarten zum Mittelweg.
Hier und im Hof sind noch Kalkspritzer von den Ausbesserungsarbeiten am Hintereingang zu sehen. Michael Pohl hatte alles sofort auf eigene Kosten wiederherstellen lassen und sich auch wegen der zersprungenen Fensterscheiben nicht mit Ersatzansprüchen gemeldet. Eines Tages war jedoch Rechtsanwalt Bernhard erschienen und hatte um die Rechnungen gebeten, da die Hafengesellschaft selbstverständlich alles ersetzen werde. Er konnte es sich nicht nehmen lassen, persönlich vorzusprechen, weil er immer noch auf einen gütlichen Ausgleich in der Prozeßangelegenheit hoffte. Michael Pohl sprach mit keinem Wort davon.
Das Mädchen in der Küche hört die Schritte auf dem Kies. Sie setzt einen Teller klappernd nieder und steckt den Kopf aus dem Fenster.
»Sie schlafen beide«, flüstert sie. Sie gönnt Irmgard die kurze Ruhepause.
Irmgard nickt ihr zu und geht durch die kleine Pforte zu den Wiesen hinaus, die sich bis zum Verbindungskanal erstrecken. Dort, in der Nähe des Wassers, setzt sie sich, mit dem Rücken gegen das Hafengelände, auf den Rasen, den sie kühl und frisch auf der Handfläche fühlt.
Sie kann hier noch vom Mädchen gesehen und im Notfall gerufen werden, wenn einer von den »beiden« erwachen und sie brauchen sollte. Diese beiden, die jetzt ihr ganzes Leben ausfüllen sollten: die Mutter und das Kind.
Der Knabe ist gesund und gedeiht, obgleich er mit der Flasche großgezogen werden muß, und die Mutter erholt sich mit fast beängstigender Eile. Sie kann es nicht erwarten, wieder überall selbst zur Stelle zu sein und die Zügel fester in die Hand zu nehmen.
Ihre abgezehrten Glieder werden elektrisiert und massiert, und wenn sie nicht zuweilen bei heimlichen Versuchen erfahren hätte, daß Energie und Unrast allein ihr die alte Kraft nicht wiedergeben, so würde sie wohl noch heftiger über all diese »teuren und überflüssigen Prozeduren an einem alten Weibe« schelten. So aber begnügt sie sich mit einem gutmütig-ungeduldigen Protest, soweit es sich um ihre eigene Person handelt.
Streng jedoch und ohne Duldung jeglichen Widerspruchs ist sie wieder in ihrem Kommando über den Haushalt und die Wartung des Sohns.
Irmgard hat es sich in den langen einsamen Monaten vor der Geburt des Knaben angewöhnt, oft mit den Händen im Schoß untätig dazusitzen und in sich hineinzulauschen. Erst waren es die Erinnerungen, von denen sie willenlos aus der traurigen Gegenwart fortgetragen wurde. Dann spürte sie das mählich pochende Leben, und sie malte sich die Zukunft als Mutter dieses neuen Menschen aus.