Schließlich mußte sie es ertragen, daß sie ihren Vater und sich selbst vor seinen Leuten und vor den wenigen Menschen, mit denen sie gelegentlich zusammenkamen, dadurch in Unehre bringen würde. Sie hatte nie viel von der Meinung derjenigen gehalten, die nach den allgemeinen Gesetzen urteilen. Und nun begann sie, in ihrer Mutterschaft eine große und mutige Mission zu sehen. Erst als sie so weit in ihren inneren Kämpfen gekommen war, beschloß sie, sich dem Vater zu offenbaren.
Sie kannte ihn von jeher als einen Eigenbrötler, der sich auch nicht viel um die herkömmlichen Ansichten kümmerte, aber sie wußte, wie tief er durch den Abfall Joachim Beckers verletzt wurde. Trotzdem hatte sie diese Aussprache als eine Befreiung von der Bitternis und dem stummen Nebeneinander mit dem Vater erhofft.
Sie vergaß, daß sie selbst sich nach quälendsten Wirrnissen zu der neuen Anschauung durchringen mußte, und daß sie den Vater vor eine ganz unerwartete Tatsache stellte. Und vollkommen hatte sie, in ihre Liebe zu Joachim Becker verstrickt, übersehen, welchen großen Vertrauensbruch der Vater nun auch auf ihrer Seite darin erblicken mußte.
Wie sie nun, bleich und schon ein wenig entstellt, dem Vater am Tisch gegenübersaß und fast ohne Stocken davon zu sprechen begann, war ihr allmählich, über der fürchterlichen Veränderung in seinem Gesicht, die ganze Tragweite zum Bewußtsein gekommen.
Sie konnte plötzlich alle zurechtgelegten großen und kühnen Worte nicht finden, ihre Mundhöhle zog sich bitter zusammen, und die Magenkrämpfe, an denen sie in letzter Zeit so viel gelitten hatte, setzten wieder ein. So saß sie vor ihm, stumm, mit schmerzverzerrten Zügen. Ihre Hände tasteten krampfhaft über die Decke. Da verschwammen die Umrisse seines Kopfes vor ihren Augen. Sie ahnte nur seinen erstarrten Blick.
Erst war es, als ob er ihr Gesicht damit gläsern machte, sie spürte kein Leben mehr darin, und dann fühlte sie ihn auf den Händen. Sie hielt sie plötzlich ganz still, aber sein Blick lag immer noch darauf. Und da schämte sie sich unwillkürlich ihrer Hände, die gelb und mager geworden waren. Sie zog sie vom Tisch herab und wußte keinen Grund dafür. Sie hörte eine Tür fallen und war allein im Raum ...
Später hatte er ihr den Arzt geschickt, der über ihren Zustand unterrichtet war. Er untersuchte sie und verschrieb ihr Stärkungsmittel. Aber der Vater und sie haben bis zu ihrer Niederkunft niemals »davon« gesprochen. Noch jetzt muß Irmgard die Augen schließen, wenn sie daran denkt, wie sie sich schämte, wenn der Blick des Vaters unversehens auf ihre veränderte Gestalt fiel.
Die erste stumme Annäherung glaubte sie zu fühlen, als sie ihm nach der Katastrophe im Hafengelände entgegenging und sagte, welchen Namen man dem Knaben geben müsse. Da hatte sie noch nicht gewußt, was sie damit unternahm. Die große Erregung an jenem Tag und die Freude über die Erlösung der Mutter veranlaßten sie ohne Überlegung zum Verzicht ihrer Rechte.
Als es dem Vater nicht mehr entgehen konnte, wie schwer es ihr fiel, den Knaben als unbestrittenen Besitz der Mutter zu betrachten und ihr in allen kategorischen Weisungen willenlos zu folgen, hatte er endlich offen mit ihr darüber geredet. In seiner knappen und schweren Art begann er zunächst mit großen Pausen und dann ohne falsche Scheu über alles zu sprechen, was seit Joachim Beckers Zeit zwischen ihnen lag. So lange hatte er gebraucht, um es zu verarbeiten.
Zum Schluß nahm er sie in seine Arme und sprach beruhigend auf sie ein. Er sagte im Grunde nicht mehr als der Arzt, Schwester Emmi und gewiß manche anderen, die ein Urteil darüber hatten: daß es so am besten für sie alle sei, und daß ihr der Knabe innerlich nicht weniger gehöre, wenn sie ihn nach außen als Bruder anerkennen müsse.