Aber sie empfand den Druck seiner breiten warmen Hand auf ihrer Schulter, sie durfte ihren Kopf wieder an seine Wange lehnen, und dann hatte er wie in den Kindertagen mit seinem großen weißen Taschentuch die Tränen von ihrem zuckenden Gesicht gewischt. —
Die kleinen stehenden Wolken verlieren allmählich ihr rotes Leuchten, das vom Westen her über den Himmel gezogen ist. Irmgard gibt sich noch eine kurze Frist, indem sie das Schwinden des gelben Scheins hinter einer dunklen Wolkengruppe abwartet, dann steht sie auf, um zu ihren »beiden« zu gehen.
Das Mädchen flüstert ihr an der Küchentür zu: »Sie ist schon lange wach. Ich habe ihr gesagt, daß Sie Besorgungen machen.«
Irmgard will etwas erwidern, aber sie sieht schließlich selbst ein, daß man der Mutter keine anderen Erklärungen geben kann, denn sie wird niemals die Menschen verstehen, denen zuweilen die Hände im Schoß liegen bleiben.
Sie hört ihre Stimme im Schlafzimmer und weiß, daß sie sich das Kind ins Bett reichen ließ. Und wieder verliert sich ihre brennende Sehnsucht nach dem Knaben, weil sie ihn in den Händen der Mutter weiß. Nur in den wenigen Minuten, da sie unbeobachtet ganz allein mit ihm sein kann, wird er zu ihrem Besitz.
Entschlossen würgt sie alle Bitterkeit hinab und geht mit beschleunigten, festeren Schritten ins Zimmer, als ein Mensch, der unter Zwang eine schlechte Rolle spielt.
Hier wartet so viel Arbeit auf sie, daß sie sich schnell wieder zurechtfindet. Schwester Emmi hatte die Hafengesellschaft nicht auf ihre Dienste warten lassen, und nun fehlt sie ihr sowohl bei der Arbeit wie mit ihrem heiteren Wesen.
»Meine Zukunft«, sagte sie immer, wenn sie von ihrem neuen Posten sprach. Sie war klug genug, Joachim Becker nicht zu verraten, daß ihre jüngste Vergangenheit bei Irmgard Pohl und seinem Sohne war. Irmgard hatte sie aber außerdem gebeten, über diese Tätigkeit zu schweigen.
»Denn vielleicht weiß er gar nichts davon«, fügte sie mit einem Blick auf den kleinen Michael errötend hinzu.
Frau Pohl war es recht, daß die kleine blonde Schwester bald das Haus verließ, denn erstens hält sie eine Pflegerin für überflüssig, wenn eine erwachsene Tochter im Hause weilt, und zweitens kann sie keine Sympathien für Schwester Emmi gewinnen. Sie ist mit ihrer stillen und zielbewußten Tochter zufriedener, vermeidet es aber streng, sich davon etwas anmerken zu lassen.